Leichte Differenzen

Die Stimmung ist auch am vierten Tag noch immer ausgelassen fröhlich, aber leicht unterschiedliche Auffassungen zu bestimmten Themen werden inzwischen offen ausgetragen. Eine Folge der körperlichen Tortur?

Erstes Beispiel: Die Reiseleitung stößt mit spontanen Entscheidungen auf Widerstand. Nach genauem Studium der Karte kamen Friedhelm und Eberhard nämlich darauf, daß vor uns Berge liegen. Die Dammer Berge und der Teutoburger Wald. Friedhelm hatte daraufhin eine an und für sich vernünftig klingende Idee: Was, wenn wir einfach am Mittelland-Kanal lang fahren, der kann ja schließlich nicht über Berggipfel führen! Den Nachteil hatten andere Mitfahrer schnell raus: ein „kleiner“ Umweg und das verlassen der ursprünglichen Route. Entsprechende Gegenargumente wurden von Friedhelm aber mit einem Lehrstück an demokratischer Willensbildung ausgehebelt. „Also, ich bin dafür, daß wir am Mittelland-Kanal langfahren“, verkündete er energisch. Und wie kann man gegen etwas sein, für das Friedhelm ist?

Zweites Beispiel: Theoretisch gilt der gemeinsame Beschluss, daß die Frauen vorfahren, das Tempo machen. In der Praxis scheint dies äußerst schwierig. Immer wieder findet man plötzlich die Herren an der Spitze. Die von den Frauen aber nun energisch zurück in die Reihe verwiesen werden. Geschlechterkampf der ganz anderen Art.

Drittes Beispiel: Die spitzen Begeisterungsschreie der Frauen, als sie das braune Tourismus-Hinweisschild „Varusschlacht“ kurz vor dem Teutoburger Wald entdeckten, ließen der Reiseleitung keine andere Möglichkeit, als ein wenig Kultur einzuplanen. Doch sie rächte sich sehr subtil: Etwa 2 Kilometer vor Erreichen des Zieles führte sie die Frauen unbemerkt noch einmal 14 Kilometer im Kreis um das Varusschlacht-Museum herum. Völlig unbeabsichtigt, wie sie später schein-zerknirscht behaupteten, und nur, weil sie für diese Gegend keine Karte gehabt hätten. Na, wer’s glaubt …

Gruppenbild vor Varusschlacht-Denkmal
Vor dem Varusschlacht-Museum

Also wurde statt nach 40 erst nach 52 Kilometern Pause und einer auf Kultur gemacht: Biergarten und Schlachtfeld wurden (in der Reihenfolge) von allen gemeinsam besucht. Das Museum übrigens hat man an einem Ort errichtet, von dem man seit Ausgrabungen 1989 ziemlich überzeugt ist, daß hier die Schlacht im Teutoburger Wald stattgefunden hat (Kalkrieser Berg, nahe Bramsche). Beleg dafür sind über 1500 gefundene römische Münzen, von denen keine einzige nach 9 n.Chr. herausgegeben wurde und die oft den Prägestempel VAR (Varus) tragen sowie zahlreiche Militaria.

Wie dem auch sei, die Niedersachsen haben sich da gleich im Rahmen der Expo2000 ein tolles, neues Archäologie-Museum spendiert. Eigentlich mit nur wenig Ausstellungsstücken, aber doch sehr lebendig erklärt, vom Spruch des Augustus „Varus, Varus gib mir meine Legionen zurück“ bis hin zum Lebensweg des germanischen Heerführers Armin (bei den Römern Arminius, bei den Germanen Hermann), der, was ich auch nicht wußte, römischer Bürger und Ritter war und bis kurz vor der Schlacht unter Varus als Chef der germanischen Hilfstruppen diente. Na ja, jedenfalls gut gemacht und eindrucksvoll.

Am Mittelland-Kanal
Der Mittellandkanal – der beste Schutz vor hohen Bergen

Nach dem Museums- und Schlachtfeldbesuch ging es dann weiter – immer am Mittellandkanal entlang über Recke bis Hörstel. Zu finden an der A30. Und nur noch 39 Autobahn-Kilometer von der holländischen Grenze entfernt. Irre, wie schnell wir durch Deutschland gekommen sind.

Übrigens wer denkt, nach dem Radeln sei der Geschlechterkampf vorbei, der irrt. Nachdem die Männer die Frauen flehentlich gebeten hatten, doch bitte auf ihre Kosten irgendwo essen zu gehen, damit man sich in Ruhe die beiden Fußball-Spiele des Abends ansehen könne, merkten diese, daß sie endlich eine Möglichkeit bekämen, erlittene Unbill auszugleichen. Nicht nur, daß sie das gesamte Deutschland-Spiel mit Themen wie „sollte ich morgen mal was anderes anziehn“ begleiteten, nein, sie waren auch schon zur zweiten Halbzeit des Brasilien-Spiels wieder da, weil man angeblich in Hörstel ihr Geld nicht wollte (sie wurden beim Italiener ignoriert). Und begleiteten das restliche Spiel mit weiteren, lauten Diskussionen zum Thema „sollte ich morgen mal was anderes anziehn?“. Sauber gekontert, meine Damen!

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Werden wachsame holländische Zollangestellte auf dem 120-Tonnen-Anhänger gigantische Mengen von Schmuggelgut erwarten und mich deshalb stundenlang festhalten? Läßt sich der Euro in Holland noch schneller ausgeben als in Deutschland? Versuchen wir lieber an der Grenze Richtung Süden vorzuradeln um noch einen Tag im Heimatland übernachten zu können? Die nächsten 24 Stunden zeigen es!

Nochmal: Recht herzlichen Dank an alle für die lieben Kommentare und Bemerkungen. Ich lese sie jeden Abend vor und sie machen allen Radlern große Freude. Es geht nichts verloren!

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