Victory Day – nicht für uns

Tja, da haben uns die Engländer überlistet. Und damit meine ich nicht die deutsche Vergangenheit und den Victory Day der heute überall im Lande begangen wurde. Nein, ich meine deren komische Maß- und Gewichtsangaben. Hey, wenn wir statt PS jetzt kW sagen müssen, warum können sich die Engländer nicht an km gewöhnen. So jedenfalls sind wir voll auf Friedhelms England-Karte hereingefallen. Die gab die Entfernung Dover-Canterbury mit 27 an. Und meinte Meilen. Und wir dachten Kilometer.

Früh am Morgen ließ sich alles noch ganz gut an. 2,5 km bis zur Fähre, dann auf der VIP-Spur eingeordnet (Fahrräder gehen zuerst an und nachher auch von Bord). Auf der einstündigen Überfahrt riß die dichte Nebeldecke auf und die Sonne kam raus und sollte den ganzen Tag durch scheinen. Und eine Stunde geschenkt wurde uns auch noch, weil die Engländer der zeit ja etwas hinterherhinken. Super.

Wir sind erste Priorität für Hoverspeed
Wir sind erste Priorität für Hoverspeed

Aber dann schon in Dover der erste Schock. Eine Steigung, die selbst Calle vom Rad zwang. So ungefähr 45%. Rauf auf den Kreidefelsen, zur Zitadelle, die über Dover tront (wo übrigens auch Feiern zum Victory-Day stattfanden). Aber wer denkt, einmal oben könne man dann gemütlich weiterradeln, der hat sich geschnitten. Die sanfte Hügellandschaft Kents wurde mehr und mehr zum Martyrium. Auf alle Fälle für die Ungeübten. Aber ich habe auch so manchen Amateur-Profi verstohlen fluchen gehört.

Gegen die Landschaft war gar nichts zu sagen, die war einfach toll. Malerische Dörfer, dichte Wälder, weite Felder. Und, man glaubt es kaum in England, hervorragend ausgeschilderte Radwege. Die leider nicht auf direktem Wege zum Ziel führen, wie wir später merkten. Sondern uns halt die schönsten Seiten Kents zeigen wollten.

Am Anfang haben wir uns die auch noch gern zeigen lassen. So gegen 10:30 Uhr Ortszeit wollten wir uns eine kleine Dorfkirche ansehen. Da war gerade Service (Gottesdienst). Der Pfarrer sah, daß da einige sangeskräftige Brüder und Schwestern sein Haus betreten hatten und lud uns ein, doch für 5 min teilzunehmen. Also schmetterten wir einige Lieder. Seltsam: Auch der Gottesdienst war dem Sieg im 2. Weltkrieg gewidmet und wir Deutsche mittendrin …

Aber wie gesagt, zunehmend fiel uns die Berg- und Taltour schwerer und so nach 35 km beschlossen wir, direkt nach Canterbury zu radeln. Ging auch ganz gut – bis Calle das Kugellager einer Pedale unter seinem enormen Antritt zerbrach. Spätestens jetzt stand fest: Wir müssen mit dem Zug zurück. Elisabeth (meine Tochter) in Berlin angerufen, Zugverbindung Canterbury-Dover im Internet raussuchen lassen, klappte wunderbar. Danke an dieser Stelle dafür!

Canterbury: Ziel erreicht
Ziel erreicht

Canterbury selbst wurde dann nach etwa 46 km erreicht. Die Stadt ist völlig überlaufen mit Touristen, aber die Kathedrale lohnt den Besuch. Vor allem für die Geschichtskundigen: Dies ist der Ort an dem der später heilig gesprochene Thomas Becket ermordet wurde, hier liegt Heinrich der IV. begraben, hier tobte sich Heinrich der VIII. am Klerus aus.

Der Träger des Gelben Trikots in Canterbury
Der Träger des Gelben Trikots in Canterbury

Die britische Bahn war dann ein Fish-and-Chips-Mahl später absolut pünktlich, komplikationslos (8 Fahrräder!) und sehr touristenfreundlich („wenn Sie sich hier hin stellen, stehen Sie genau vor einer Zug-Tür zum Einsteigen“). Prima.

Bilanz des Tages: 50 gefahrene Kilometer, davon 45 im Linksverkehr, 8 kaputte Radler und viele neue Eindrücke. Ist doch was.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s