Grünstadt – Ungsheim (46 km)

Eine Regenfront ist in der Nacht über Worms hinweg gezogen, der Tag empfängt uns wolkig und zwar immer noch mild, aber doch wesentlich kühler als der gestrige. Und mit der lautstarken Fröhlichkeit einer Radfahrer-Truppe aus Nürtingen („nei, also 14 km am Doch, dösch is mir denn heut doch zuviel“) im Frühstücksraum des Hotels.

Wir genießen die Vorteile des nahezu autofreien Sonntag, als wir uns früh um 09:15 Uhr auf den Weg abseits der vorgeschriebenen Route machen. Wir wollen den größten jüdischen Friedhof Europas besuchen, einige Schritte nördlich des Doms gelegen. Wir sind die einzigen Gäste dort, die Männer behalten dennoch, wenn auch eher unbewußt, wie vorgeschrieben ihre Kopfbedeckungen auf (die Schirmmützen von Eurobike).

Der Friedhof ist eindrucksvoll, auf den Grabsteinen von Rabbinern aus dem 11., 12. und 14. Jahrhundert liegen kleine Steinchen und Zettel mit Wünschen von Gläubigen, alles auf hebräisch. Die meisten Grabsteine stammen wohl aus dem 19. Jahrhundert, jedenfalls die, auf denen es auch deutsche Inschriften gibt. Der jüngste datiert von 1937, danach gab es wohl keine Beerdigung an dieser Stelle mehr.

Auf dem größten jüdischen Friedhof Europas
Auf dem größten jüdischen Friedhof Europas

Erneut haben wir Schwierigkeiten, aus einer Stadt zu finden. Worms buddelt an seiner zentralen Einfallstraße, für die Autofahrer sind Alternativen gut ausgeschildert, an die Fahrradfahrer hat wohl keiner gedacht. Irgendwie finden wir doch noch den Weg zum Rhein.

Gegen 10:15 Uhr, wir kamen gerade so schön in Fahrt, der erste Platte der Tour. Ist zum Glück unserem Praktiker passiert und nicht den Akademikern. Eberhard wechselt den Reifen innerhalb von 12 Minuten, Micha und ich pumpen ihn abwechselnd wieder auf.

Diese schöne Übung können wir wiederholen, als Eberhard nach einem knappen Kilometer erneut einen Platten meldet. Diesmal untersuchen wir den Mantel genauer und werden fündig: Eine kleine Glasscherbe wird entfernt. Der Reifenwechsel dauert diesmal nur 10 min, Micha und ich pumpen wieder.

Immer gut, wenn Akademiker vom Praktiker begleitet werden
Immer gut, wenn Akademiker von einem Praktiker begleitet werden

Die Tour führt uns südlich von Worms ein kleines Stück am nicht sichtbaren Rhein entlang (Deiche und Wälder), dann geht es bei Roxheim weg vom Fluß hin zu den Weinbergen. In Großniedersheim, kurz vor Beginn einer 13-km-kneipenfreien Zone, finden wir den Weg in die Bürgerstube. Wirt Jöoerg Eichler ist bass erstaunt über unsere Sportlichkeit („ich bin auch mal 40 km gefahren, zurück haben wir die Bahn genommen“), Ehefrau Viola kümmert sich derweil um unsere Versorgung und die der rund ein Dutzend Senioren, die sich breits auf ihr Mittagessen freuen. Wir haben Glück, daß Sonntag ist, normalerweise wird erst um 17 Uhr aufgemacht. Und daß Joerg und Viola wegen einer Feier erst vor knapp 5 Stunden ins Bett gekommen waren, hat man wirklich nicht gemerkt. Na ja, bis auf die Augenringe vielleicht.

Die Tour führt danach durch erste Weinberge. Wir kosten die eine oder andere Rebe, aber August ist wohl noch zu früh, um da wirklich Spaß dran zu haben. Alles viel zu sauer.

Viel zu sauer, als daß sich Mundraub lohnt
Viel zu sauer, als daß sich Mundraub lohnt

Der Wind bläst kräftig von vorn, einige vereinzelte Regentropfen fallen. Zeit für eine kurze Pause in Grünstadt, einstige Residenz der Leininger Grafen und vom Reiseführer empfohlen wegen Barock-Rathaus und hübscher Fußgängerzone.

Zwei Bayern verteidigen am Prinzregenten-Luitpold-Platz die Idee bayerische Gemütlichkeit gegen die Seligkeit der Weinstraßen-Bewohner. Ihr Konzept scheint aufzugehen, denn das Brauhaus ist knüppeldickevoll, die beiden Kellnerinnen und der Koch offenbar überfordert. Nach einer Stunde ist unser Essen immer noch nicht da, wir beginnen sauer zu werden.

Da nähert sich die Wirtin unserem Tisch in bayerischer Tracht, entschuldigt sich wortreich für die Verzögerungen und fragt, ob wir unseren Ärger nicht mit einem Gebrannten auf Kosten des Hauses herunterspülen möchten. Bravo! Wir entscheiden uns für Bier-Brand (aus Dunkelbier diestilliert) und sind von dem Schnaps genauso begeistert wie von dem Essen.

Das Fahren strengt heute an. Es wird zunehmend hügliger, die Wege in den Weinbergen werden schlechter, sind oft nur noch reine Schotterpisten. Einziger Trost: Mein Sattel und mein Hintern kommen immer besser miteinander zurecht. Wer weiß, vielleicht entsteht aus den anfänglichen Reibereien noch so etwas wie Freundschaft.

In den Weinbergen gibt es zum ersten Mal offen ausgetragene Unstimmigkeiten. Silvi möchte Burg Neuleiningen besichtigen. Die hat den Nachteil, etwa 1 km abseits unserer ausgezeichneten Tour und zudem noch auf einem Berg zu liegen. Die Truppe macht ihr ein Friedens-Angebot: Fahr Du da hoch, wir warten hier. Dazu hat sie nun auch keine Lust.

Chef-Scout Micha verdanken wir dann eine andere schöne Erfahrung: Er verpaßt in den Wein-Bergen eine Abfahrt, so daß wir vom rechten Wege abkommen. Um den wiederzufinden, lotse ich uns nach der Karte zu einem Ort namens Herxheim. Und da ist, wer hätte es gedacht, gerade Kerwe – eine Art Winzerfest. Na, da lassen wir uns doch nicht dreimal einladen.

Seltener Anblick
Seltener Anblick

Da wir in Grünstadt die „Deutsche Weinstraße“ genannte bierfreie Zone von Rheinland-Pfalz betreten haben, versuchen wir den 2008er Chardonnay Herxheimer Honigsack. Ein feinherbes Gesöff, von dem man gerne mehr ordert. Auch Birgit ist mit ihrem Pinot Noir äußerst zufrieden. Was für ein Glück, daß die restlichen 3 km bergab praktisch wie von selbst runtergefahren werden können! Den Abend werden wir wohl in dem sehr gemütlichen Landgasthof verbringen, in dem unsere Übernachtung gebucht wurde. Ich weiß bloß noch nicht, ob bei Bier oder … nein, wohl eher bei Wein.

Schließlich soll der Tourist doch die Sitten und Gebräuche seiner Gastgeber respektieren!

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