Das wird ein ganz, ganz toller Urlaub

Die Gattin liest mit leuchtenden Augen Passagen aus dem PDF vor, das der Veranstalter als Reisevorbereitung zur Verfügung stellt:

„Es geht mit dem Nachtzug von Taschkent nach Buchara. Spannend, oder? Nachtzug! Bestimmt mit Tee und Wodka und so!“

Ich weiss nicht was sie sich für Vorstellungen macht – Usbekistan ist nicht Russland!

„Buchara ist die ‚heilige Stadt‘ Zentralasiens! Da gibts einen noch fast vollständig erhaltenen orientalischen Stadtkern mit der größten Koranschule der Region, die hat türkisblaue Kuppeln!“

„Ha, und wir radeln durch Baumwollfelder in eine Keramik-Stadt und da übernachten wir bei Töpfermeister Abdullah Aka. Und dann geht es durch die Wüste und wir müssen aufpassen, dass wir nicht Wüstenschildkröten überfahren! Und einen Ausritt mit dem Kamel bieten die auch an!“

Sie kriegt und kriegt sich nicht ein:

„Die Samarkand-Oase – klingt das nicht toll? Da ist ein riesiges Grabmal für einen Gelehrten, das interessiert Dich doch bestimmt! Wollen wir eigentlich in eine Seidenteppichmanufaktur? Ach ja, oder? Und in Samarkand gibts auch wieder orientalische Märkte und berühmte Bauten und so – ich sag Dir, das wird ganz toll!“

Mein zögerliches Nicken nimmt sie gar nicht zur Kenntnis, vor lauter Begeisterung. Woraufhin ich mir mal die Reisebeschreibung schnappe.

Hm. Wir besichtigen ein Denkmal für die Erdbebenopfer von 1966. Das ist also ein Erdbebengebiet. Na toll.

Ah ja. Die Wüste durch die wir radeln heißt Kysyl Kum und das bedeutet Roter Sand. Da werde ich wohl meinen staubtrockenen Humor brauchen, wenn die Sonne mit 30 Grad runterknallt und sich die Einheimischen über die Europäer totlachen, die mit dem Fahrrad (!) durch die Wüste touren.

Ach und hier: Die süßen Wüstenschildkröten tauchen wann genau auf? Wenn wir „den kleinen Karaqarga-Pass (800 m) überquert“ haben! Hallo? Kleiner Pass? Auf 800 Meter? Wo uns schon die sanften Hügeln von Kent wie ein Martyrium vorkamen und wir den 300-Meter-Pass von Brendola gerademal mit einem 6er-Schnitt überquert haben?

Auch beim weiteren Lesen stellt sich kaum Abenteuerlust ein: Von Hotels ist keine Rede, wir übernachten bei Töpfern, tadschikischen Familien, in einer Jurtensiedlung.

„Ja, habe ich auch gelesen – ist das nicht romantisch?“, strahlt die Gattin.

„Wir sollen Schlafsäcke mitbringen!“, rufe ich verzweifelt. „Statt Klos haben die nur Löcher im Boden mit zwei Fußstapfen daneben!“

„Das kennst Du doch aus China, da hat es Dich auch nicht gestört“.

„Ja, aber da konnte ich wenigstens auf die Behindertenklos – und die hatten Schüsseln! Und hast Du Dir mal die Anforderungen durchgelesen? ‚Du musst ohne größere Pausen ca. 3-4 Stunden radeln können, und darfst danach nicht völlig erschöpft sein.'“

„Das haben wir doch auf unseren anderen Touren auch schon gemacht!“

„Mit der Aussicht auf ein frisches Bier – hier gibts offenbar nur Grünen Tee!“

„Ja, ist das nicht toll? Pass mal auf, das wird ein ganz, ganz toller Urlaub. Lass uns erstmal da sein und an Land und Leute gewöhnen.“

Na hoffentlich dauert das nicht die vollen 14 Tage, die wir da sind.

Ob die Menschen dort immer noch so leben wie vor über 50 Jahren?

Ob die Menschen dort immer noch so leben wie vor über 50 Jahren? Foto: Mein Vater

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