Eindrucksvoll

Der Morgen im staubtrockenen Taschkent beginnt mit einer Überraschung: Es regnet. Es regnet, wo es normalerweise niemals regnet. Oder nur sehr, sehr selten. Jedenfalls Anfang September. „Ganz toll“, denke ich mir – gut, dass nur eine Stadtbesichtigung ansteht. Und wir mit einem Auto zu den Sehenswürdigkeiten Taschkents gefahren werden.

Aber bevor ich dazu komme, kurz noch ein Wort zum Hotel. Die Gegend sah nachts zweifelhaft aus, am Tage nicht mehr. Altstadt halt. Wir wohnten zu zweit in einem riesigen Raum mit vier Betten. Seine Vorteile: Separates Bad mit Dusche und Klima-Anlage. Werden wir in den nächsten Tagen wohl nicht mehr allzu oft bekommen. Das Frühstück spartanisch, aber völlig ausreichend: Fladenbrot, Butter, zwei Scheiben Salami für jeden, ein Spiegel-Ei, ein Stück Käse, Marmelade. Reicht. Und zu alldem auch noch WLAN. Ich bin hochzufrieden.

Das Hotel ist eigentlich eher eine Villa

Das Hotel ist eigentlich eher eine Villa

Die erste Station unserer Stadtrundfahrt ist das Bakharon-Ensemble islamischer Bauten aus dem 16. Jahrhundert. Wunderbar restaurierte Koran-Schulen (madrassah), eine Islam-Universität, Mausoleen für Imame und andere Geistliche, ein Koran-Museum in dem Original-Schriften auf Gazellenhaut aus dem siebenten (!) und späteren Jahrhunderten aufbewahrt werden. Absolutes Film- und Fotografierverbot. Trotzdem höchst eindrucksvoll.

Teil des Barakhon-Ensembles

Teil des Barakhon-Ensembles

Weiter geht es durch die sonntäglich ruhende Stadt zu einem Platz, an dem plötzlich totales Verkehrs-Chaos herrscht. Wir steigen aus, werden von unserem Reiseleiter Sokir zu einem der 20 Basare der Stadt geführt. Ein Ereignis. Eine riesige Kuppelhalle, darin wimmelt es vor Menschen. Verkäuferinnen und Verkäufer vor sauberen Glasvitrinen, in denen sich kunstvoll garnierte Ware türmt: Fleisch, Käse, orientalische Gewürze, Nüsse, Gemüse, Obst, Plow-Zutaten und viele andere Köstlichkeiten. Ein Fest fürs Auge.

Marktweiber

Marktweiber

Was ich von anderen Märkten in der Welt überhaupt nicht gewohnt bin: Die Leute lassen einen völlig in Ruhe. Keine aufdringlichen Verkäufer, kein Gebrüll um die Gunst der Kunden, kein Nachfassen wenn man einmal höflich aber bestimmt abgelehnt hat. Die Leute bedanken sich, wenn sie fotografiert werden und fotografieren begeistert zurük – mit unseren Apparaten. Habe ich so überhaupt noch nicht erlebt. Ja prosto wowtorge – ich bin begeistert.

Lustige Erfahrung am Rande: Sokir, der offenbar weiß, womit er Gäste aus Deutschland beeindrucken kann, führt uns an den Stand eines Handwerkers, der Baby-Wiegen aus Holz feil bietet. Diese Wiegen haben in der Mitte Löcher von ungefähr zehn Zentimeter Duchmesser. In die ein kleiner Eimer, oder besser Becher, aus Plastik passt, den man gleich mitkaufen kann. Sokir erläutert uns, dass dies für die Notdurft des Babys sei, das untenrum nackt in der Wiege liegen würde. Und dann zeigt er uns eine kleine, aus Holz geschnitzte Pfeife. Die sei dafür da, um das Pipi der Jungen aufzufangen. Und eine ähnliche Apparatur, nur nicht mit so einem kleinen Pfeifenkopf, sondern einem breiten Schlitz, gibt es dann für die Mädchen.

Veralbert der uns jetzt?

Veralbert der uns jetzt?

„Sokir“, frage ich leicht verärgert ob dieser offenbaren Gäste-Veralberung, „wie sollen Babies denn in dieses Loch und diese kleine Pfeife treffen, wenn sie in der Wiege liegen?“

„Na die werden festgeschnallt“, lautet die verblüffende und uns noch Stunden weiter beschäftigende Antwort.

Der Usbeke weiß, wie man Kinder ruhig stellt

Der Usbeke weiß, wie man Kinder ruhig stellt
(hier ein Demonstrationsobjekt für die Ungläubigen)

Festgeschnallte Babies ermöglichten nicht nur eine Körperhygiene ohne Windel-Einsatz, sondern auch der Mutter drei bis vier Stunden freie Zeit, die sie in Haushalt und Küche bräuchte. Und Babys die so aufgewachsen seien, würden keinerlei Probleme verursachen: „Wenn Du solchen Kindern sagst, ’sitz still‘, dann sitzen die still!“

Ein Ansatz für die Reform-Pädagogik?

Ein Höhepunkt jagt den nächsten. Wir fahren zu einem Plow-Restaurant. Plow , das ist Fleisch mit Karotten, Kichererbsen, Rosinen und was weiß ich, sowie viel Reis und Öl, gedünstet in riesigen Kesseln Das Restaurant bietet über 1.000 Menschen Platz, es gibt nichts anderes außer Plow und vielleicht noch einem nicht-alkoholischen Getränk und es ist proppevoll. Dazu  draußen lange Schlangen vor den Kesseln, von Leuten, die sich eine Portion zum Mitnehmen in bunte Plastik-Behälter packen lassen.

Hier holt sich die halbe Stadt ihr Mittagessen

Hier holt sich die halbe Stadt ihr Mittagessen

Weiter geht es in das Regierungsviertel der Stadt. Parlament, Senat, Finanzministerium liegen an einem großen Platz, dessen Grundzüge bereits in Sowjetzeiten festgelegt wurden: Ein riesiges Wasserspiel, breite, freie Flächen, die von allen Fußgängern gemieden werden, postsozialistische Zuversichtsarchitektur: Wir Usbeken, wir sind der Mittelpunkt der Welt, mit unserer Unabhängigkeit beginnt der unaufhaltsame Aufstieg in nie gekannte Höhen. Nun ja.

Vor dem Denkmal für einen früheren Fürsten namens Timur fühl ich mich fast wie ein Popstar. Mehrere Familien wollen sich mit uns fotografieren lassen. Wir nehmen ihre Kinder bereitwilig in unsere Mitte, lächeln in die Kameras.

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Der Usbeke will nicht gefragt werden, ob man ihn fotografieren darf.
Er will fotografiert werden.

Ein paar Straßen weiter ein Boulevard mit einer Freiluft-Ausstellung vieler touristenverführender Künstler. Und ein Café in einem Pavillion, das auch Bier anbietet. Wunderbar.

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Kunst to go auf breiten Straßen

Wir plaudern mit Sekir, Karin und Thomas über Gott und die Welt, nehmen später noch in einem anderen Restaurant eine Suppe zum Abend (dessen Vorteile: hervorragendes Essen, WLAN und eine absolutem europäischen Spitzenstandard entsprechende Toilette. Ich bin ja sowas von zufrieden).

Am Bahnhof von Taschkent strenge Kontrollen. Drei- oder viermal müssen wir den Pass zeigen, das Gepäck wird durchleuchtet. Mich störtˋs nicht, umso sicherer unsere Reise, denke ich mir.

Im Nachtzug wird uns ein Zweier-Abteil zugewiesen. Wir sind positiv überrascht, hatten uns eigentlich mit Karin und Thomas in einem Vierer-Abteil vermutet. Nix da.

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Das Highlight: Der Fernseher. Und der Schaffner der einem zu Straßenpreisen Bier besorgt.

Unser Abteil-Nachbar spricht uns an. Panzerfahrer sei er gewesen, in der Tschechoslowakei. Und ob wir denn wüßten, dass in Buchara der Medicus gelebt hätte. Haben wir nicht gewußt.

Später setzt sich noch der Waggon-Schaffner zu uns. Er stammt aus dem Fergana-Tal erzählt er uns und ob wir ihn nicht besuchen wollten. Er hätte mit Thomas und Johannes, einem Lehrer und einem Juristen, gerade Leute aus Deutschland beherbergt und sei nun neugierig auf dieses Land. Wir müssen mit Verweis auf unsere fest gebuchte Tour leider ablehnen. Und staunen, wieder allein, darüber, was wir alles verstanden und gesagt haben.

Der Einsteigerkurs Russisch war wohl doch nicht umsonst.

Diesen Gesichtsausdruck haben die meisten Usbeken, wenn sie mit uns Russisch reden.

Diesen Gesichtsausdruck haben die meisten Usbeken, wenn sie mit uns Russisch reden.

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