Kunstgenuß mit Russen-Disko

Auf usbekischen Bahnhöfen herrscht striktes Fotografierverbot. Wie übrigens auch auf Flughäfen, in der Metro, bei militärischen Einrichtungen und öffentlichen Verwaltungsgebäuden. Angesichts der zahlreichen Uniformierten in den Städten und den vielen Überwachungskameras halte ich mich da auch lieber dran.

Aus Versehen geknipst: unser Zug im Bahnhof von Taschkent

Unser Zug im Bahnhof von Taschkent. Foto: Anonymus

Und so konnte ich heute leider kein Bild von den übermüdeten Menschenmassen machen, die sich morgens kurz nach sieben Uhr aus dem Nachtzug schälten. Und sich dann vom 10 km entfernten Bahnhof auf nach Buchara machten. Einem Zentrum der islamischen Welt mit über 800 Moscheen, Koranschulen, Minaretten – bei knapp 400.000 Einwohnern.

Dass ein Bahnhof soweit vor einer Stadt liegt ist untypisch und liegt daran, dass selbst die Russen das Bild des historischen Buchara nicht zerstören wollten.

An der Strecke in die Stadt stehen an diesem Morgen zahlreiche Schüler, die darauf warten, von Bussen oder von Marschrutka genannten kleinen Linien-Taxis mitgenommen zu werden. Hier ist Uniform Pflicht, aber jede Schule hat ihre eigene Einheitskleidung. Und so stehen Mädchen in weißen, blauen oder roten Blusen und knielangen Röcken am Straßenrand, die Jungs tragen gleichfarbige Anzüge.

Vor einer Schule im Jüdischen Viertel von Buchara

Vor einer Schule im Jüdischen Viertel von Buchara

Buchara ist völlig anders als Taschkent. Hier gibt es eine Altstadt, enge Gassen und historische Gebäude an jeder Ecke, die Neustadt mit sozialistischen und postsozialistischen Straßenzügen bleibt vor den Toren der historischen Stadtmauer.

UNESCO-Weltkulturerbe: Straße in der Altstadt von Buchara

UNESCO-Weltkulturerbe: Straße in der Altstadt von Buchara

Wir checken in dem von einer Französin geführten Hotel „Oase Helene“ ein, bekommen ein tolles Frühstück, W-LAN und eine Dusche geboten. Dann geht es ab in das historische Buchara.

Erste Station: Das älteste erhaltene Mausoleum der islamischen Welt – errichtet irgendwann um 900 zu Ehren des Herrschers Ismail Samani. Ein beeindruckendes Bauwerk, vor allem, wenn man bedenkt in welcher Zeit schon solche Pracht entfaltet wurde.

Das älteste Zeugnis islamischer Baukunst weltweit - das Samoniden-Mausoleum

Das älteste Zeugnis islamischer Baukunst weltweit – das Samoniden-Mausoleum

Es wird nicht das letzte Mausoleum des Tages gewesen sein. Aber zunächst einmal führt uns der Weg vorbei an einem mehrere hundert Meter langen Rest der alten Stadtmauer mit dem einzig erhaltenen Stadttor an der alten Straße nach Chiwa. Ein tolles Gemäuer, man sieht vor seinem geistigen Auge direkt die alten Krieger des Emirs hoch oben auf den Zinnen.

Dann kommen wir an die Quelle des Hiob und das darüber gebaute Mausoleum. Der Legende nach hat hier der Prophet Hiob in Zeiten großer Trockenheit seinen Hirtenstab in den Boden gerammt woraufhin an der Stelle eine Quelle entsprang. Passenderweise hat man in dem Gebäude heute ein Museum zur Geschichte der Wasserversorgung Bucharas eingerichtet. Die Fotogebühr kann man sich sparen, der Bau ist innen sehr spartanisch und unspektakulär.

Mausoleum ber der Quelle des Propheten Hiobs

Mausoleum ber der Quelle des Propheten Hiobs

Fünf Gehminuten weiter bekommt die Kamera schon wieder schwer zu tun. Eine Freitags-Moschee (wird nur zu den Freitags-Gebieten genutzt) mit zwölf riesigen Holz-Säulen davor. Die hat angeblich der Emir von Buchara bauen lassen um mit seinem Volk beten zu können – sie befindet sich direkt vor dem Eingang zu seiner Burg. Das Bauwerk ist von innen frisch renoviert. Unser Reiseleiter erläutert uns wie so ein Freitagsgebet abläuft, warum der Imam nicht ganz oben auf dem Podest sitzen darf (der Platz gehört Allah) und welche Bedeutung der Holzstab hat, der immer neben der Kanzel (heißt das bei den Moslems auch so?) steht.

Holzsäulen der Freitagsmoschee gegenüber dem Palast des Emirs

Holzsäulen der Freitagsmoschee gegenüber dem Palast des Emirs

Von der Burg des Emirs, die wir danach besichtigen, bin ich enttäuscht. Sicher, sie ist interessant. Mit der königlichen Freitagsmoschee, dem (seit Beschuss durch die Sowjets 1920 nicht mehr überdachten) Thronsaal für die offiziellen Empfänge, dem Burgverlies.

Der Thronsaal des Emirs von Buchara

Der Thronsaal des Emirs von Buchara

Aber hej: Der Emir von Buchara! Dieser Titel verspricht Märchen aus Tausendundeiner Nacht, reich verzierte Harems-Räume, orientalisch-verspielte Architektur, Gemächer bespannt mit Seidenvorhängen und schweren Teppichen! Aber nichts von alledem. Jede deutsche Burg ist interessanter.

Wofür die Zitadelle (usbekisch: Ark) nichts kann: Sie wurde vor fast einhundert Jahren schwer zerstört. Von Bolschewiken-General Frunse weiß man, daß er sie mit Artillerie zusammenschoß, vom letzten Emir vermutet man, daß er seinen Teil dazu beitrug – aus Angst davor, daß die Bolschewiken seinen Harem entweihen hat er ihn angeblich lieber selbst in die Luft gejagt.

Wirklich eindrucksvoll sind hingegen die Festungsmauern. Nach oben hin verjüngend gebaut waren sie an den Laufgängen der Wachposten immerhin noch sechs Meter breit – damit sie auch abgeritten werden konnten.

Beeindruckend: Die mächtigen Mauern der Ark des Emirs von Buchara

Beeindruckend: Die mächtigen Mauern der Ark des Emirs von Buchara

Ein Hammer war für uns die Kalon-Moschee, eine der größten im zetralasiatischen Raum überhaupt. Beeindruckende Architektur, riesige Gewölbe – und das alles für uns allein. Die wenigen Touristen, die sich derzeit in Buchara bewegen kennen wir (dem Gesicht nach) bald persönlich. In der Kalon-Moschee war kein einziger von ihnen.

Die Kalon-Moschee - menschenleer

Die Kalon-Moschee – menschenleer

In der selben Gegend noch ein ungeheuerlicher Vorgang: Wir besuchen eine Teppich-Manufaktur mit angeschlossenem hochmodernen, allen europäischen Standards entsprechendem Klo (Eintritt 1.000 Sum, rund 30 cent). Wir werden mit Tee begrüßt, dürfen den jungen Arbeiterinnen beim knüpfen und weben zusehen, betreten den riesigen Verkaufsraum – und werden in Ruhe gelassen! Keiner der uns aufdringlich einen Teppich verkaufen will, niemand der eine Gegenleistung für Tee und Manufaktur wenigstens in Form eines Vortrages über die Probleme der usbekischen Teppich-Industrie erbringen will, Nichts!

DSC_0118

Teppichknüpfen lernen die jungen Frauen von Kindesbeinen an.

Geld pumpen wir dann trotzdem noch in die einheimische Wirtschaft. Die Angebote in den historischen Basaren der Geldwechsler und Juweliere sind einfach zu verlockend. Gewürze, Keramik, Tee, Tuch, Schmiedearbeiten – man atmet den Geruch der Seidenstraße.

Zum Glück für den Geizkragen in mir wollen die meisten Händler hier Dollar oder Euro sehen – die ich im Hotel gelassen habe. So kommt ein umfangreicher Teppich-Deal der Kunstsinnigen an meiner Seite nicht zustande.

Historisches Basar-Gebäude in Buchara

Historisches Basar-Gebäude in Buchara

Den Abend des an Erlebnis reichen Tages verbringen wir in der Russen-Disko, So hörte sich für mich jedenfalls das Musik-Angebot des Restaurants in der Altstadt an. Ein junger aufstrrebender Künstler, von dem wir international bestimmt nie was hören werden, jagt seine Stimme elektronisch verstärkt über sämtliche 800 Minarette, Mausoleen und Medresen (Koranschulen) der Stadt. Haupthits wie „ras, dwa, tri, tschetyrje“ (eins, zwei, drei, vier) beben, untermalt von stampfenden Beats, bis in unsere entfernte „Oasis Helene“, 90 Prozent der Gäste des Lokal (die Ausländer) gucken sich entsetzt an, zehn Prozent (die Einheimischen) klatschen und tanzen begeistert vor dem jungen Popstar.

Auch ich persönlich kann dessen Auftritt positives abgewinnen: Jetzt weiß ich genau, wie sich die Bewohner der Stadt gefühlt haben müssen, als draussen vor den Mauern die Rotarmisten des Generals Frunse brüllten, die schließlich 1920 den Emir von Buchara nach Afghanistan vertrieben …

3 Gedanken zu „Kunstgenuß mit Russen-Disko

  1. Der Emir von Buchara, ihr seid auf einer Märchentour! Gut bei dem Flieger von Usbekistan Airlines, hätte ich kurz gezittert. Aber sonst sieht das alles sehr, sehr spannend aus! viel Spaß euch, Stefan

    Gefällt mir

    • Och, in dem haben wir uns eigentlich sicher gefühlt. Nur nördlich von Charkow wurde mir doch etwas mulmig – während die Gattin die explosive Situation einfach verschlief. Die Städte und Menschen hier sind einfach toll, Du kriegst das Auge gar nicht mehr von der Linse, so viele tolle Motive gibt es hier. Und das Beste: Die Menschen freuen sich, dass sie fotografiert werden, fühlen sich geehrt! Solltet Ihr auch mal angehen …

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s