Auf die Räder, fertig …

Mein Fahrrad und ich, wir mögen uns nicht besonders. Wir haben uns heute kennengelernt und es war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick. Aber der Reihe nach.

Der Tag begann herrlich. Ausschlafen, üppiges Frühstück von Madame Helene und ihren fleißigen Service-Kräften und danach Freizeit bis 14 Uhr. Die wir dazu nutzten, uns noch ein wenig das alte Buchara anzusehen.

Zu Fuß machten wir uns auf die Suche nach tollen Fotomotiven. Von denen wir mehr als genug fanden. Die Straßen der Altstadt sind in einem für westeuropäische Augen erbärmlichen Zustand, die kahlen Lehmwände, die sich mit unverputztem Mauerwerk ablösen, die wie provisorisch an den Häusern angebrachten Strom- und Gasleitungen bestärken das Bild einer ärmlichen Gegend. Dabei täuscht der.

In der Altstadt von Buchara

In der Altstadt von Buchara

Dort wo man mal hinter die oft prächtig verzierten Tore blicken kann, sieht man saubere Treppenhäuser, Grün in den Höfen, oft eine Bank und einen Tisch zum Nachbarschafts-Palaver.

Und immer wieder stößt man auf alte Mausoleen, Koranschulen oder Moscheen. Teilweise stark verfallen, aber der Wille zum Wiederaufbau der einstigen Prachtbauten ist überdeutlich – an vielen von ihnen wird gewerkelt und gemacht und getan. Vor einem dieser gerade in Renovierung befindlichen Moscheen weht an einem riesigen Holzmast ein Pferdeschweif – Hinweis darauf, daß hier ein Heiliger begraben liegt.

Mausoleum eines Heiligen - Verfallen, aber im Wiederaufbau

Mausoleum eines Heiligen – Verfallen, aber im Wiederaufbau

Auf unserem Weg besichtigen wir auch das Judenviertel – wo heute nur noch knapp über 50 jüdische Familien leben, der Rest der zu Sowjetzeiten immerhin noch weit über 5.000 Buchara-Juden ist ausgewandert, nach Israel oder in die USA. Ihre Häuser verkauften sie unter Zeitdruck an Geschäftsleute – mit der Folge, dass hier heute die höchste Bed&Breakfest-Hotel-Dichte Usbekistans zu verzeichnen ist. Der Exodus läßt sich wohl nicht mehr aufhalten, obwohl viel dafür getan wird, den Juden ein Leben nach ihren Regeln zu ermöglichen – vor der einzigen jüdischen Schule des Landes (Unterricht in hebräisch) finden wir Dutzende fröhlich lärmender Kinder beim Pausenspiel in der Gasse. Die Synagoge hat leider zu.

Pause an der jüdischen Schule in Buchara

Pause an der jüdischen Schule in Buchara

Um 14 Uhr dann nehmen wir unsere Räder in Empfang, Ich versuche fluchend den Kilometerzähler in Gang zu bringen, es klappt nicht. Thomas wechselt an seinem Rad den Sattel und flucht wahrscheinlich nicht weniger – seine Gangschaltung ist nicht in Ordnung, der erste und der siebente Gang lassen sich nicht schalten. Wird am Abend repariert.

Luft! Luft! Ich brauch' mehr Luft!

Luft! Luft! Ich brauch‘ mehr Luft!

Und dann geht es endlich los mit unserer Radtour auf der Seidenstraße: Zum Kennenlernen der Räder machen wir eine 25-km-Tour zu einer Pilgerstätte vor den Toren der Stadt. Und ich lerne, dass Radfahren nicht immer, so wie etwa bei uns zu Hause, Spaß macht.

Wir sind bei Buchung der Reise gefragt worden, welche Art von Rad wir denn gern hätten: klein, mittel oder groß. Ich hatte mich für mittel entschieden, weil ich ein mittelgroßer Mensch bin. Was in Deutschland stimmt, nicht aber in Usbekistan. Kurz: Mein Rad ist mir zu klein.

Ein Mountain-Bike, dessen Lenker man nicht höhenverstellen kann. Ich hänge auf dem Gefährt wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein, fühle mich unwohl. Später stelle ich den Sattel runter was auch nicht so richtig Erleichterung bringt, weil nun meine Knie beim Treten viel zu hoch kommen. Gut für die Bauchmuskulatur, schlecht für das allgemeine Wohlbefinden. Zum Glück hat der Lenker solche Bullenhörner, die stelle ich nach oben, so daß ich wenigstens ab und zu aufrecht fahren kann.

Immer geht freilich auch das nicht, weil ich nun meine Finger nicht mehr unmittelbar an Gangschaltung und Bremse habe. Gerade die aber brauche ich im Stadtverkehr von Buchara.

Sind nunmal keine Stadt-Räder ...

Sind nunmal keine Stadt-Räder …

Radfahrer sind in Usbekistan in der Rangordnung weit hinter den Fußgängern angesiedelt und die sind schon gern einmal Freiwild raumgreifender PS-Attentäter. In denen wohl noch das Blut der Goldenen Horde finsterer Mongolenstämme zirkuliert: Die Fußgänger-Ampel zeigt Grün? Interessiert hier kaum jemanden, es wird trotz Rot mit unverminderter Geschwindigkeit durchgebrettert. Da ist eine kleine Kolonne von Fahrradfahrern am rechten Fahrbahnrand? Mir doch egal, ich muss schließlich bei den alle paar Metern am Straßenrand stehenden Schulkindern halten, die nach Hause wollen. Kurzes Hupen und dann nach rechts eingeschlagen, bremsen können ja die Radler.

Man kann sich auf diese Fahrweise einstellen, muss nur darauf achten schnell genug über Kreuzungen und an Einmündungen vorbei zu kommen, dann geht das schon. Aber es stresst.

Und Du meinst wirklich, Sokir, dass die Autofahrer jetzt mehr Respekt vor uns haben?

Und Du meinst wirklich, Sokir, dass die Autofahrer jetzt mehr Respekt vor uns haben?

Später, als wir so etwa 5 Kilometer aus der Stadt raus sind, beruhigt sich das alles völlig, es fahren kaum noch Autos, obwohl wir auf einer Nationalstraße (der 3) unterwegs sind. Die, die uns überholen hupen begeistert: Guckt mal, schon wieder so ein paar komische Typen mit Fahrradhelmen und Rucksack!

Das Ziel unseres kurzen Ausflugs hat sich übrigens wirklich gelohnt: Das Grab des islamischen Gelehrten  Baha-ud-Din Naqschband ist von einer wunderschönen Anlage mit Moschee und Herberge für die zahlreichen Pilger, die hierher strömen, umgeben.

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Aus dem Wander-Stab des „Abwenders des Unheils“ wurde einst ein mächtiger Stamm. Und jeder ordentliche Pilger geht heute dreimal um den herum

Auf dem Rückweg in die Stadt schützt uns der uns begleitende Bus, der in den nächsten Tagen unsere Koffer transportieren wird, indem er einfach die Spur hinter uns blockiert. So fährt es sich schon angenehmer.

Morgen werden wir den Horror übrigens nicht wiederholen: Wir haben beschlossen, uns mit dem Bus vor die Tore der Stadt, zum Sommerpalast des Emirs bringen zu lassen und erst von dort in die Wüste zu radeln. Mit dem schönen Leben mit W-LAN, Dusche und französischem Frühstück ist es dann vorbei.

Dann wartet auf uns nur noch die Kyssyl Kum.

8 Gedanken zu „Auf die Räder, fertig …

  1. Wir verfolgen euch täglich und hängen an euren Lippen. Fahrrad für einen mittelgroßen Menschen hätte ich hier, Fahrrad für große Radfahrer habt ihr selbst. Kann man eigentlich auch in U einen Asylantrag stellen, und gibt es Flüchtlinge – außer euch? Überhaupt, wie schaut man euch an, wie empfängt man euch? Wissen, interessieren sich die Menschen für Europa? Bin gespannt auf die nächsten Folgen, seid umarmt, Stefan

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    • Die Gattin hat inzwischen zwei wichtige Gründe entdeckt, die für einen Asylantrag sprechen: a) wo sonst in der Welt pfeifen ihr noch Bauarbeiter hinterher b) usbekische Frauen gehen bereits mit 55 in Rente (Männer mit 60).

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    • Wie man uns anschaut? Wie Ausserirdische. Als ob in Deutschland 5 Usbeken mit dem Eselskarren auf der Autobahn unterwegs wären. Und dabei ständig über hupende Autofahrer schimpfen.

      Für Europa interessieren sie sich herzlich wenig. Die Menschen, die wir gesprochen haben (und das waren gar nicht so wenig) sind eher Russland-orientiert. Man sieht Russland hier nicht als ehemaligen Besatzer oder so, sondern als Partner. Die Europäer bringen Euro und damit ist gut, mit den Russen handelt und feiert man (gibt ja noch viele im Land). Ansonsten interessiert man sich eher für die Nachbarn (Tadshiken, Kasachen etc.) und vielleicht noch für China (aber das schon nur in Ausnahmefällen). Europa spielt nur im Rückblick eine Rolle: Wenn die Männer erzählen, dass sie in Rumänien, Ungarn, der Tschechei oder der DDR gedient haben …

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  2. Asyl-Antrag kommt für die Gattin in einem Land, wo Babys festgeschnallt werden nicht in Frage. Flüchtlinge gibt es keine, die ziehen weiter Richtung Westen. Flüchten tut auch keiner, warum auch, wo der Präsident ein so sorgenfreies Leben ermöglicht.

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    • Ehrlich? Nicht zu fassen. Aber die Pipi-Auffang-Vorrichtungen, die gibts bei uns bestimmt auch nicht. Überlege schon, ob ich die importiere oder im Internet-Handel vertreibe – neue Geschäftsidee und so …

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