Los

Früh um neun standen alle Räder still. Und warteten auf ihre Verladung in den Bus. Der natürlich nicht in die verwinkelte Altstadt von Buchara konnte, sondern an deren Rand abgestellt worden war. Also setzten wir alle Räder und uns in Bewegung. Auf dass das Abenteuer „Radeln auf der Seidenstraße“ beginne.

Zuerst freilich fuhren wir mit dem Bus durch den dichten morgendlichen Straßen-Verkehr an die Stadtgrenze. Zum Sommerpalast des letzten Emirs von Buchara. Der nicht umsonst an den der Zaren in Sankt Petersburg erinnerte. Der Emir hatte in der russischen Stadt studiert und ließ seine Architekten Elemente der russischen Baukunst verwenden. Lange hatte er freilich nichts davon – der Palast wurde 1912 fertig, 1920 übernahmen ihn die Bolschewiki.

Der Sommerpalast sollte den Emir ein wenig an seinen Studienort St. Petersburg erinnern

Der Sommerpalast sollte den Emir ein wenig an seinen Studienort St. Petersburg erinnern

Bis dahin scheint der Emir aber noch ein paar schöne Sommer an der Stelle verbracht zu haben. Eindrucksvoll die Terrasse vom Harems-Gebäude  hinunter zum künstlichen See, in dem seine bis zu 40 Geliebten badeten. Während es sich der Emir auf einem wohl vier Meter hohen prachtvollen Podest gegenüber bequem machte und den Jungfrauen beim Bade zusah.

GOPR1964

Von dem Podest rechts oben sah der Emir den aus dem Harem links zum Bade strömenden Damen bei dem selben zu

Und dann ging es endlich mit dem Rad auf die Seidenstraße, Die sich zunächst als vielbefahrene Chaussee entpuppte. Auf der wir tapfer losfuhren, ständig begleitet vom Hupkonzert der vorbeifahrenden Autos, das mal aggressiver Fahrweise („die “Straße gehört mir!“), mal aus purer Begeisterung über die Verrückten dort auf ihren Rädern ertönte – gern auch von der Gegenspur. Teilweise fuhren die Usbeken extra langsamer – ich nehme an, um einen Blick auf die sensationellen, weil nackten Waden unserer nicht mehr ganz im Emir-Gespielinnen-Alter befindlichen Mitradlerinnen zu erhaschen.

Der gute Asphalt der Schnellstraße machte schnell einem schwierig zu fahrenden, weil von Rinnen, Löchern und Huckeln durchsetzten Platz – die übergroße Sommerhitze tut dieser Art von Straßenbelag nun wirklich nicht gut.

P1180226

Übrigens rät der Veranstalter von der Mitnahme eigener Räder ab. Zu Recht.

Der Verkehr ließ auch nicht so richtig nach und nach wie vor zeigten uns einheimische Autofahrer, daß sie die Könige der Straße sind. Warum zum Beispiel hinter der Kolonne einscheren, wenn man rechts abbiegen will, man kann es doch mit quietschenden Reifen auch noch vor ihr probieren.

Und so fuhr es sich etwas zäh (bei zusätzlich noch leichtem Gegenwind) bis ins 30 Straßen- und 40 Radlerkilometer entfernte Vabkent, dessen riesiges Minarett schon aus weiter Entfernung vom Etappenziel Mittagspause kündete. Dieses Minarett diente nie dem Ruf zum Gebet sondern schon immer als Leuchtturm: Alle 30 km wies ein solches „Leuchtturm-Minarett“ früher den Weg nach Samarkand oder Buchara (die 10 Karawanen-Tage auseinander lagen).

Vorher hatten wir in einem Dorf kurz Rast gemacht und so eine Teigtasche mit Fleischfüllung aus einem Ofen am Straßenrand probiert, wo das Mittagsmahl für zahlreiche Arbeiter produziert wurde. Unsere kleine Truppe sorgte dort für einen regelrechten Auflauf, jedem neu ankommenden Dorfbewohner  wurde stolz mitgeteilt, dass hier Gäste aus Germani speisten. Gab tolle Fotos füs Album.

DSC_0208

Hier backt der Chef noch persönlich!

Überhaupt habe ich selten ein so freundliches Volk wie die Usbeken erlebt. Mehrfach wurden wir Vorbeiradelnden zum Tee eingeladen (was wir leider dankend ablehnen mussten), bereitwillig ließen sich vom Baumwoll-Pflückerinnen-Aufseher bis zum Bauarbeiter und wirklich alten Moschee-Besucher alle von uns ablichten, auf der Straße entlangfahrende Männer erzählten uns begeistert, dass sie schon mal in Frankfurt/Oder oder Schönwalde waren (dort wohl gedient hatten), aus dem Auto heraus wurden wir nach dem wohin und vor allem woher befragt.

DSC04482

Dieser freundliche Herr bat uns zum Tee – leider mussten wir weiter …

Den ersten Tag beschlossen wir kaputt und müde in Gijduvan, im Haus des Töpfermeisters Abdullah Aka. Ich hatte mir darunter so eine Lehmhütte mit Gästezimmer für vier Personen vorgestellt – weit gefehlt. Es ist ein prächtiges Haus mit Museum, Werkstatt und Verkaufsräumen. Der Töpfermeister in sechster Generation beschäftigt inzwischen fünf Keramiker, achtzig (!) Frauen stellen für ihn in Heimarbeit typische regionale Textilien her. An den Wänden des Museums durch das er uns stolz führt hängen Fotos, die ihn mit Madeleine Albright, Prince Charles, Hillary Clinton oder dem usbekischen Präsidenten zeigen, die Werke in seinem Verkaufsraum beweisen, daß er diese Ehre nicht umsonst verdiente.

DSC_0247

Einige Werke des Meisters

Seine Frau hatte dann noch ein äußerst leckeres Abendessen für uns vorbereitet, in dessen Verlauf der Hausherr sogar noch seinen selbst gemachten Hauswein kredenzte und mit uns über Gott und die Welt, aber vor allem Kinder, deren Lehrer und Eltern diskutierte.

P1170813

Der Töpfermeister, seine Frau und die Schwiegertochter führen uns Traditionelles vor

Morgen geht es dann früh raus: Diesmal steht ein 80-km-Ritt an den Rand der Kyssyl Kum auf dem Plan. Ein Abenteuer, as nur noch übermorgen durch die Besteigung des Karakul-Gebirges getoppt werden wird.

P.S.: Die von den Frauen unserer Reisegruppe gerissenen Lücken im Angebot des Verkaufsraums von Abdullah Aka wurden übrigens umgehend wieder aufgefüllt. 

2 Gedanken zu „Los

    • Wir sind selber erstaunt, wie gut das läuft. Ein paar Vokabeln hatten wir uns ja extra angeeignet, anderes kommt irgendwoher aus dem Unterbewußtsein und wenn uns ein Usbeke erzählt „buil tankist“ dann denken wir uns halt, dass er Panzerfahrer war.

      Schulpflicht gibt es, Schulbusse offenbar nicht. Die Besserwissende an meiner Seite bestreitet das, aber ich habe wirklich hunderte von Kindern zu zweit oder zu dritt in Schuluniform an den Straßen in und zwischen den Dörfern gesehen, wie sie nach Hause tapperten. Einige größere hielten manchmal Marschrutkas (billige Linientaxis) an, aber das war die Ausnahme. Und Schul-BUSSE habe ICH wirklich nicht gesehen. Nicht einen einzigen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s