Die Rache des Emirs

Es musste ja so kommen: Die Rache des Emirs greift nach mir, meinem Körper, meinem Verdauungstrakt. Immer wieder zurückgeworfen von den westlichen Medicussen und ihrer Medizin starten die Truppen des Königs von Buchara doch Angriffswelle um Angriffswelle, so wie es schon früher die von Montezuma oder die des Pharaos versuchten.

Doch im Gegensatz zu denen hat der Emir noch eine weitere, furchtbare Geheimwaffe: Seine Bodentruppen. Die Schlaglöcher, Risse und Buckel im Asphalt der usbekischen Straßen machen mich wahnsinnig. Sie schütteln mich und meinen Magen-Darm-Trakt durch  und durch, es ist absolut kein angenehmer oder gar erholsamer Trip heute für mich. Dabei hatte ich mich gerade auf die Fahrt durch die Kyssyl Kum so gefreut.

DSC04487

Abschiedsbild mit Töpfermeister

Das fing schon in Gijduvan an. Nachdem wir uns von Töpfermeister Abdullah Aka verabschiedet hatten, ging es mitten durch die 50.000-Einwohner-Stadt Richtung Nordosten. Eine echte Herausforderung. Für uns und die usbekischen Autofahrer. Für uns, überhaupt heil aus der Stadt zu kommen, für die Autofahrer uns zu zeigen, dass es ihre Stadt ist, deren Verkehr wir gerade aufhalten. Das Gehupe, Geschneide, knappe Überholen! Zum Glück konnte die Geistesgegenwärtige noch rechtzeitig nach rechts ziehen, als ein PKW-Fahrer auf enger Straße unbedingt noch an unserer Kolonne vorbeiziehen mußte, trotz entgegenkommenden Bau-Kippers.

Die ersten 7,5 km verbrachten wir so in höchster Konzentration und Anstrengung, den Blutdrucksenker am Morgen hätte ich mir sparen können.

Dann, in Richtung Kyssyl Kum wurde es zum Glück ruhiger. Kyssul Kum, das bedeutet ja Rote Erde, ist in ihren Ausläufern eine bewachsene Wüste. Flache Sträucher, deren Wurzeln bis zu 30 Meter tief reichen und sich von dort das notwendige Wasser holen haben sie besiedelt und ihre Blüten sind im Frühjahr und im Herbst rot – daher der Name Rote Erde. Tatsächlich ist es eine staubige, gelbe Gesteinswüste, die sich über eine Fläche von 350.000 Quadratkilometer erstreckt – womit die Kyssyl Kum größer ist, als die ganze Bundesrepublik.

DSC04493

Die Kyssyl Kum macht in weiten Teilen einen doch recht leeren Eindruck

Wir hatten heute um die 30 Grad Celsius im Schatten, in der Wüste brannte die Sonne mit gefühlt 50 Grad. Auf meiner rechten Wade kriege ich einen fetten Sonnenbrand, was bedeutet, wir fuhren tendenziell nach Osten.

Auf der geraden Asphaltstraße kaum Autos, aber mitten in der Wüste plötzlich ein Kontrollpunkt der Sicherheitskräfte (ob es Polizei oder Militär war konnte ich nicht erkennen). Striktes Fotografier-Verbot. Solche Kontrollpunkte gibt es wohl an allen größeren Straßen, wenn die Provinz gewechselt wird – wir haben also die Region Buchara verlassen. Ansonsten sieht man in der Kyssyl Kum höchstens mal einen Hirten mit Schafen, Ziegen, Rindern oder Pferden.

DSC04488

Ein dreirädriger Traktor beackert ein brachliegendes Baumwollfeld

Nach einem anstrengenden Ritt gibt es an Kilometer 52 in dem Oasenstädtchen Kanimekh endlich ein Bierchen für mich und Mittag für die anderen (Karin bekommt, da sie ähnliche Probleme wie ich hat, zwei Bananen). Plötzlich finde ich die Maxime unseres Rad-Kumpels Eberhard, wonach es das erste Bier nicht vor 10 Uhr und frühestens nach 25 km gibt gar nicht mehr so schlimm wie noch in Deutschland.

Das Bier übrigens kam in der praktischen 1,25-Liter-Flasche auf den Tisch – zum Glück half die Mitleidige an meiner Seite ein wenig bei seiner Beseitigung. Zum Wanken bringt mich das „Stolichnaya Silver“ nicht – es hat nur 3,2 Prozent (übrigens kosten 0,5 Liter Bier in Straßen-Cafés und Restaurants normalerweise zwischen 3.000 und 7.000 Sum, also zwischen 80 cent und 2,30 Euro, in der Spitze in den Touristenzentren von Buchara und Taschkent auch mal 3,30 Euro).

Nach weiteren 25 km Fahrt erreichen wir Tasrabat. Hier kommen wir bei der Familie eines Hirten unter, wobei diese Bezeichnung auch schon wieder in die Irre führt: Der Mann hat 1.000 Schafe in der Steppe zu laufen, heute beaufsichtigt von seinem Bruder. Sie dienen der Fleischproduktion und müssen zusammen mit den Einkünften der Söhne, die alte, russische Autos reparieren (die hier noch massenhaft unterwegs sind) Mann, Frau, besagte zwei Söhne und deren Frauen sowie zwei Enkelkinder ernähren.

Unser Reiseleiter zeigt uns den Raum, in dem wir schlafen werden: Ausgelegt mit Matten (keine Betten) für alle vier Deutschen. Wer zuerst einschläft hat gewonnen.

DSC_0269

Ein Waschbecken reicht für alle. Im Hintergrund die Hausfrau beim Kräuter sammeln.

Zu den leckeren Sachen, die uns aufgetischt werden gehört auch eine Flasche Wodka. Das hilft mir über die Härte des Fußbodens hinweg bis zum nächsten Morgen. An dem es nichts mehr hilft, ich muss das orientalische Klo benutzen. Geht alles, wenn auch mehr schlecht als recht. Ist wahrscheinlich aber nichts gegen das, was uns bevorsteht – der Karakarga-Pass. Wir sind laut Thomas derzeit auf 360 Meter Höhe, der Pass hat 800 Meter. Die nächste Herausforderung wartet.

Tages-Etappe:
4:20 reine Fahrtzeit
78,24 km zurückgelegte Strecke
18,0 km/h im  Schnitt 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s