Dschinn der Asphaltstraße

Nennt mich den Dschinn der Asphaltstraße, den Derwisch des Karatau-Gebirges, den zweirädrigen Wüstensohn – ich habe ihn bezwungen, den „kleinen Karakarga-Pass (800m)“. Die Rad-Touristin an meiner Seite übrigens auch. Aber der Reihe nach.

Früh um dreiviertel neun machen wir uns auf. Die Straßen wieder mehr schlecht als recht, die ob radelnder Europäer überraschten Usbeken hupen wie verrückt oder schneiden mit Wonne die kleine Kolonne.

Der Usbeke, soviel weiß ich bis jetzt,  bremst nie. Und er verringert auch nicht die Geschwindigkeit. Wenn ihm ein Baufahrzeug entgegenkommt, während er uns überholt kann er ja immer noch nach rechts ausweichen.

Hinter der Stadt wird dann die Straße besser, ich quäle mich trotzdem. Der Emir ruht nicht, versucht mich doch noch seine Rache spüren zu lassen. Die Besorgte an meiner Seite päppelt mich mit Elektrolyten und Wundermedizin unserer westlichen Medicusse aus. Hilft (Danke Gabi!).

Ab Kilometer 20 geht es dann etwas steiler und kontinuierlich bergan. Bei Kilometer 23 zeigt eine Straßen-Schild 12% Steigung an und ich glaube ihm. Die letzten zwei Kilometer geht es im größtmöglichen der 21 Gänge unseres Mountain-Bikes bei glühender Mittagshitze nach oben. Gegen 12 Uhr haben wir es endlich geschafft, schauen in die vor uns liegende Wüste bis zur Oase, in der wir Mittagspause machen wollen.

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Die Oase ist dann ratzbatz erreicht – es geht bergab! Ich werde leichtsinnig, bekomme bis zu 62 km/h drauf. Aber Spaß macht’s.

Im Ort, nach unserer täglichen Siesta (von eins bis halb drei lässt uns unser Reiseleiter nie fahren – es ist einfach zu heiß um sich anzustrengen) eröffnet uns Sokir, dass wir über einen zweiten Pass müssen. Wieder 12% Steigung. Aber längst nicht so hoch. Wir gehen es fatalistisch an.

Soviel Gleichmut wird belohnt: Plötzlich, wie ein Wunder aus Tausendundeiner Nacht, weitet sich der Asphaltschotter zu einer zweispurigen Straße, die – nie gesehen in Usbekistan – sogar eine Fahrbahnmarkierung in der Mitte hat! Und dazu einen Asphalt, wie frisch aus einer deutschen Straßenbaumaschine gegossen. Spontan taufe ich die Straße „Präsident Karimow Highway“.

Begeistert rollen wir die letzten Kilometer (nach dem Pass) bergab bis in die Stadt Nurata. Die so groß ist, dass wir noch 4,5 km durch den Stadtverkehr rollen, bis wir endlich bei unseren Gastgebern, einer tadshikischen Familie, sind.

Zwei offen miteinander verbundene Zimmer für die Bayern und uns, orientalisches Klo. Die Matratzen werden die bisher härtesten gewesen sein, die unsere Mittelstands-Körper zu meistern hatten.

Der Familie kommen wir etwas ungelegen. Unser Gastgeber hatte seine Tochter glücklich verheiratet und heute war eine Nachfeier für die Helfer der Feierlichkeiten angesetzt. Aber im Orient kein Problem: Dann werden eben ein paar Gäste mehr eingeladen!

Thomas und ich dürfen in die Runde der Männer, Karin und die Volkskundlerin an meiner Seite dürfen zu den in anderen Räumen feiernden Frauen. Wir werden vom Vater des Brautvaters freundlich an seine Seite gebeten, nehmen im Schneidersitz Platz.

Vor uns der niedrige Tisch zum Bersten gefüllt mit wunderbaren Speisen, Obst, Salaten, Knabbersachen (meist getrocknete Früchte) – und vier Flaschen Wodka. Für knapp 20 Männer, die nach und nach eintrudeln, Verwandte, Bekannte, Nachbarn.

Nach knapp zwei Minuten werden die ersten Wassergläser mit Wodka gefüllt, ich werde aufgefordert einen Trinkspruch darzubieten – wie nach mir viele andere auch. Die Ehre gebührt mir, weil die Gastgeber mich für den älteren der beiden ausländischen Gäste halten – wegen meines weiß werdenden Bartes. Der an der Strinseite des Tisches sitzende Großvater der Braut ist regelrecht erschrocken, als er erfährt, dass Thomas und ich älter sind als er: „Aber dann gehört ihr nach hier oben!“ Wir lehnen lachend ab.

A propos Trinksprüche: Die Wodka-Gläser sind auch so in Stück Märchen aus Tausendundeiner Nacht – sie werden niemals leer. Und auch die Zahl der Wodka-Flaschen auf dem Tisch verringert sich nicht, obwohl wir eine um die andere austrinken. Sokir erzählt uns, dass es den Spruch gebe, ein Gast muss aufrecht begrüßt und kriechend verabschiedet werden.

Ganz so schlimm wurde es zum Glück nicht. Die Frauen werden später berichten, dass sich auch bei ihnen die Tische bogen – unter erlesenen Speisen und vielen, vielen Süßigkeiten. Und  dass die Jungvermählte ständig neue Kleider vorführte, die sie zur Hochzeit geschenkt bekam. Stoffe für 40 Kleider. Der arme Vater des Bräutigams – er musste sie alle bezahlen. So will es der Brauch.

3:34 Fahrtzeit
59,97 km Fahrstrecke
16,7 Schnitt
62,2 Höchstgeschwindigkeit

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