Wüste, Wodka, Wohlgefühl

Der Emir läßt nicht locker. Erneut wird westliche Wundermedizin eingesetzt. Wir haben noch reichlich davon. Sie braucht ein wenig um zu wirken, entsprechend mißgelaunt bin ich beim Verlassen der Stadt Nurata. „Wir fahren ja die selbe Strecke zurück, die wir gestern gekommen sind“, maule ich die Radsportbegeisterte an meiner Seite an. „Und heute haben wir noch Gegenwind!“ „Fahr doch ’ne andere Strecke“, gibt sie kurz zurück. Die Wüste verschlingt ihre Kinder.

Nach 4 km geht es im 90-Grad-Winkel rechts ab und raus aus der Stadt. Der Wind kommt nur noch von der Seite, es fährt sich viel besser. Wir rollen an (flächenmäßig) großen Müllhalden vorbei, Nurata kippt sein Abfall-Problem offenbar einfach in die Wüste, wo dann der Wind die Verteilung übernimmt. Wir werden auch in den folgenen Tagen kaum ein Stückchen Wüste sehen, in dem keine Plastiktüten, Glasflaschen oder Plastik-Behälter herumliegen meist von Auto- oder LKW-Fahrern achtlos neben den Asphalt geworfen oder gekippt.

Nach ungefähr zwei weiteren Kilometern knickt die Straße nach rechts ab – prima: Rückenwind! Kilometerlange, schnurgerade Straße geradeaus, der Asphalt ist auch annehmbar, es rollt sich vor sich hin. Und im Gegensatz zu sonst ist auch kaum ein Auto unterwegs, höchstens alle Viertelstunde mal überholt uns ein PKW – keine Marschrutkas, keine hupenden Taxen. So machts Spaß!

Die Kyssyl Kum verändert ihren Charakter, aus der mit Pflanzen durchsetzten Steppe wird eine staubige, karge Prärie wie man sie aus amerikanischen Western kennt. Ihr wißt schon, mit abgerissenen Dornbüschen, die der Wind vor sich her treibt und so …

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Wir genießen die Fahrt in der prallen Sonne, schrubben Kilometer um Kilometer.  Beim vierzigsten kommen wir an die erste Kreuzung, biegen rechts ab auf eine gut asphaltierte Straße Richtung Koshkuduk.

Unterwegs kommen wir an einer riesigen Zeltstadt vorbei. Arabische Scheichs und ihr Hofstaat, erläutert uns Reiseleiter Sokir. Die lassen hier ihre Falken auf irgendwelche spezielle Vogelarten los.

Unbeeindruckt radeln wir noch einmal insgesamt zwanzig Kilometer bis Jangikashgan, wo die Räder in den Bus verstaut werden – der folgende Abschnitt ist selbst für Mountainbikes zu schwer.

Mit dem Bus schaukeln wir ungefähr vier weitere Kilometer durch die Sandsteppe, bis wir endlich am Ziel des Tages sind: Einem Jurtencamp mitten in der Wüste.10 Jurten, ein lehmverputztes Wirtschaftsgebäude, ein Häuschen zum Duschen, eines mit zwei europäischen Toiletten, ich bin hoch zufrieden. Auch darüber, dass jedes Paar seine eigene Jurte erhält.

Der Betreiber des Camps ist ein Russe („ein Tartar“, wie Sokir sagt), seine Frau hat Geburtstag, also feiern der Russe und seine Freunde bei Wodka und leckeren Speisen ab dem frühen Nachmittag. Unter den Freunden, so erzählt er mir später, befand sich auch der Direktor der Ermitage aus St. Petersburg, der als Arabistik-Spezialist öfter hier unten weilt.

Nach und nach trudeln auch weitere Gäste des Camps ein, zwei Franzosen mit Reisebegleiter und Fahrer, zwei deutsche Wanderer mit Reisebegleiter und Fahrer. Die muntere internationale Runde genießt wunderbar zugerichtete Speisen der russischen (tartarischen?) Küche vom Kalten Buffet und beobachtet die Russen beim Vertilgen von Unmengen von Wodka.

Auch wir erhalten ein kleines Fläschchen als Gruß aus der Küche. Zum Abschluss des Abends besuchen wir die selbe und gratulieren der darin schuftenden Hausfrau auf Russisch zum Geburtstag. Sie ist hocherfreut, nimmt dankbar unsere Komplimente für ihr Essen entgegen und wünscht uns einen wunderschönen Aufenthalt und viele interessante Erlebnisse. Na also, Deutsche und Russen können ja doch miteinander.

Fahrtzeit 3:05 Stunden
Fahrtstrecke: 64,63 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 18,0 km/h

Ein Gedanke zu „Wüste, Wodka, Wohlgefühl

  1. Jetzt hast Du ja was angestellt: ein gewisser V. aus W. ist derart neugierig auf Eure Berichte, daß er schon mitten in der Woche anruft und fragt, wann denn ein neuer Eintrag erscheint und er ihn bekomme…

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