Ruhe, Stille, Einsamkeit

Die Wüste rollt. Woge um Woge, ein Auf und Ab. Sieht toll aus, ist aber schlecht für das Selbstwertgefühl des Radfahrers, der nach jedem „Steile Abfahrt“-Straßenschild auf eines mit „Steiler Anstieg“ trifft.

Es ist Sonntag und laut Reiseplan ein Ruhetag. Er beginnt auch als solcher. Nachdem sich die gesamte internationale Gemeinde am Vorabend gegenüber den Jurtencammp-Betreibern dafür ausgesprochen hat, erst um 8 Uhr zu frühstücken, lassen wir es allesamt ruhig angehen. Und warten gespannt auf die Ankunft der Russen, die bis spät in die Nacht gefeiert haben.

Die kommen Viertel nach Acht und sind samt und sonders putzmunter. Manche Vorurteile stimmen einfach.

Wir werden von Reiseleiter Sokir vor die Wahl gestellt, einen Ruhetag im Jurtencamp einzulegen oder 25 km zum Aydarkul-See zu radeln, wo man baden könne. Die Erholungsuchende an meiner Seite, die offenbar den anderen nach wochenlanger Diät ihren eleganten Einteiler präsentieren möchte, entscheidet sich für die anstrengende Fahrt zum See. Woraufhin ich natürlich auch zu nichts anderem Lust habe.

Zum Glück hat der Emir seine Rache-Pläne inzwischen aufgegeben. Ein Hoch der deutschen Arzneimittel-Industrie!

Der Bus fährt uns wieder bis vor an die Straße, dann steigen wir auf die Räder. Die Wellen der Wüste schlauchen, aber nicht so schlimm wie befürchtet – wir können es ja zum Glück ruhig angehen lassen.

Jeder fährt sein Tempo, die Naturliebhaberin und ich lassen uns zurückfallen, sind irgendwann allein in der Wüste. Alle 10 Minuten mal ein Auto, sonst nichts als das gelegentliche Läuten der Glocken von Ziegen- oder Schafherden. Herrlich.

Wir fotografieren die Wüste von weitem und nahem, uns auf dem Rad, die Räder ohne uns. Was für  eine schöne Fahrt!

Nach 20 km ist es damit vorbei, der Asphalt endet, unser Weg besteht jetzt aus einer Schotter- und Geröllstrecke, die stetig bergan führt. Wir keuchen den schlechten Sandweg hoch, bis sich uns nach etwa 5 km ein atemberaubender Anblick bietet: Ein riesiger, blauer See mitten in der Wüste!

Der Aydarkul ist ein künstlicher See, angestaut irgendwo bei Taschkent – mit gigantischen Ausmaßen: 250 km in der Länge, 15 km breit. Gespeist wird er hauptsächlich wohl durch den Amur Darja, der früher in den Aral-See floß.

Womit sich dessen ökologische Katastrophe relativiert: Sokir jedenfalls erzählt uns, dass der Aral-See bis ins 10. Jahrhundert hinein ein unbedeutener Tümpel war, bis plötzlich der Amur Darja seinen Lauf änderte und sich in ihm ergoß, wodurch er dann im Laufe der Zeit zu seiner riesigen Größe anwuchs. Jetzt fließt der Amur Darja halt in den Aydarkul …

Ob dem so ist werden wir später nachrecherchieren, heute haben wir erstmal die Möglichkeit zum Bad in dem glasklaren See genutzt. An seinem Ufer außer uns kein Mensch („Der Usbeke geht nicht an einen See baden, wir haben hier kein Wasser!“) nur zwei Herden Schafe in gebührendem Abstand. Herrlich.

Die Truppe vom Jurtencamp hat am Ufer ein Zelt für uns und die beiden deutschen Wanderer und ihre Begleiter aufgebaut, es gibt ein feines Picknick ohne Wodka. Der wäre bei der Hitze auch tödlich gewesen.

Sokir schlägt uns vor, auch die 28 km zurück zu radeln, wir lehnen dankend ab. Der Tag soll ja in guter Erinnerung bleiben.

Am Nachmittag dann Entspannung pur – wir sind die letzten verbliebenen Bewohner des Jurten-Camps, der Betreiber ist mit seinen russischen Freunden abgereist, die Wanderer machen sich auf den Weg zum 1993-Meter-Gipfel des Nuratauer Gebirges.Wir genießen absolute Ruhe in der Wüste, später dann ein wirklich gutes, einfaches Buffet und dann einen Sternenhimmel wie ich ihn so klar schon ewig nicht mehr gesehen habe.

Wie weit weg doch Deutschland und seine Probleme sein können.

Entspannung pur im Jurten-Camp

Entspannung pur im Jurten-Camp

Fahrtzeit 1:40
Fahrtstrecke 27,55 km
16,1 Schnit

Ein Gedanke zu „Ruhe, Stille, Einsamkeit

  1. Endlich wieder ein Lebenszeichen! Habe mir schon Sorgen gemacht. Eure Tour hört sich ja genau nach dem Abenteuer an das ihr erhofft habt. Freue mich auf weitere Berichte. LG Silvi

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