Usbeken-Stars

Ich hätte das Kleingedruckte lesen sollen. Denn da steht es ganz eindeutig: “ Hinter Koshrabot überqueren wir am Folgetag den Aktau“. Oder vielleicht habe ich das Kleingedruckt gelesen und gedacht, der Aktau ist ein Fluß. Ist er aber nicht. Es ist ein Gebirge. Noch ein Pass. Na toll.

War dann aber halb so wild. Eine Viertelstunde steiler Anstieg, dann ein wenig abwärts radeln, nochmal 10 Minuten steiler Anstieg und dann lag sie vor uns: Die Samarkand-Oase. Weit unten. Und der Wind wehte von hinten!

Fast sechs Kilometer fuhren wir ohne groß zu treten mit 30 bis 40 km/h immer nur bergab, gaben all die mit Mühen, Schweiß und Tränen erfahrenen Höhenmeter der vergangenen Tage mit einer einzigen rasanten Abfahrt wieder preis.

Schade nur, dass der Zustand der Straßen so schlecht ist, dass man höllisch vor Schlaglöchern, Bodenwellen, Belagwechsel auf der Hut sein muss (und leider auch keinen Blick auf die tolle Landschaft ringsherum riskieren kann).

Mit dem Wind im Rücken verflogen auch die folgenden Kilometer mit völlig ungewohnter Leichtigkeit, so daß wir fast enttäuscht waren, nach 23 Fahr-Kilometern die Räder in den Bus packen zu müssen: Der Zustand der vor uns liegenden Straße sollte sich von äußerst schlecht in katastrophal ändern (nach usbekischen, nicht nach deutschen Maßstäben!) und außerdem wurde uns eine enorme Zunahme des Autoverkehrs angekündigt. Denn in der vor uns liegenden Stadt Mitran sollte heute ein großer Viehmarkt stattfinden.

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So schlimm ist doch der Verkehr gar nicht, Sokir!

Der war zwar längst vorbei, als wir dort endlich eintrudelten, aber proppevoll war es in der Stadt immer noch. Wir Touristen erzwangen nach einem Blick auf den Markt eine Änderung des Reiseplans: Eine halbe Stunde Besichtigung des menschenwimmelnden Basars und seines angeschlossenen Flohmarkts.

Gewimmel auf dem Flohmarkt

Gewimmel auf dem Flohmarkt

Die in quietschleuchtendem Orange gekleidete Rennradlerin an meiner Seite und ich (in dezentem Radlerschwarz mit Tschibo-Cap, kurzer Hose und tiefschwarzer Sonnebrille) erregten allerdings fast noch mehr Aufsehen als die unzähligen Speisen, Gewürze, Früchte, Gemüse, Schrauben, Maschinen, Kautabake, Eissorten, Kleider, Möbel, Gefäße und Töpferwaren, die da sonst noch angeboten wurden.

Na, wollt Ihr mal probieren?

Das Menschengewimmel! Es ging zu wie auf einem orientalischen Basar: Da wurde gehandelt, debattiert, gefeilscht, dass es eine wahre Freude war. Und immer wieder die Frage, woher wir denn seien und die freundliche Genehmigung, sich fotografieren zu lassen – ob nun mit einer Reihe strahlender Goldzähne im Mund oder ohne.

Der Usbeke trägt seinen Reichtum immer bei sich

Der Usbeke trägt seinen Reichtum immer bei sich

Mit dem Bus erreichen wir nach dieser wunderbaren Foto-Pause dann Chelak, auch eine größere Stadt in der Samarkand-Oase, wo wir zu Mittag aßen (Suppe mit Kartoffeln, Möhren, Kichererbsen, die Genießerin an meiner Seite entschied sich für Nudeln mit Kartoffeln und Rindfleisch, beides sehr eßbar) und dann schließlich gegen ein Uhr wieder aufs Rad stiegen. Um von Wüste und Menschen mal wieder unsere Grenzen aufgezeigt zu bekommen: Aus dem Rücken- war wieder ein strammer Gegenwind geworden und der Zustand der Straßen ließ erneut kaum einen Blick nach vorne zu. Ständig konnten einen ein Schlagloch oder einer dieser begeisterten Huper aus dem Tritt bringen, bei dem Gegen-Sturm hatte man zudem das Gefühl kaum voran zu kommen.

Vielleicht auch deshalb hatte Sokir heute die Strecke so drastisch verkürzt, denn aus den angekündigten 78 km wurden nur 39,3 km. Das reichte dann aber auch.

Am frühen Nachmittag trudeln wir bei unserer Gastgeber-Familie in dem kleinen Dorf Obolin ein, in dem ein verlassener russischer Friedhof von der früheren Präsenz zwangsumgesiedelter Wolga-Deutscher kündet (die inzwischen wohl alle in Deutschland sind).

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Noch immer kein Internet, aber immerhin getrennte Zimmer für die beiden Radler-Paare.

Der Hausherr erweist sich als ein Fan des usbekischen Fernsehens, speziell des hiesigen Musikkanals. Und so sehen wir vor und während des Abendessens Andrea Bocelli mit einem Konzert irgendwo in einem italinischen Hafenstädtchen – mit dem Stargast Helene Fischer. Wow.

Danach dann so eine Rating-Sendung, bei der man den Haupt-Hit des Abends durch telefonische Abstimmung ermitteln soll. Es handelt sich ausschließlich um usbekische Sänger und Sängerinnen und ihre Musik würde ich, nun ja, vorsichtig formuliert, unter Ethno-Pop einordnen.

Wir sehen wunderbare Bilder von Interpreten vor usbekischen Sehenswürdigkeiten, bewundern die großartige Schauspielkunst der völlig überschminkten Musikanten des Volkes, erleben von der Armee des Landes gesponsorte Super-Hits (in denen Kinder begeistert vor strammstehenden Soldaten paradieren). Alles erträglich dank der Flasche Wodka, die Sokir angesichts unserer Verzweiflung über die widrigen Radler-Bedingungen spendiert.

Unser Fahrer schläft schließlich bei der Übertragung eines Konzertes von Celine Dion ein. Ist uns recht, morgen soll er uns schließlich sicher in die Innenstadt von Samarkand bringen.

Wir kehren langsam in die Welt von Otto Normaltourist zurück. 

Fahrtstrecke: 39,33 km
Fahrtzeit: 2:15 h
Durchschnittsgewschwindigkeit: 17,4 km/h

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