Radlos in Samarkand

Der letzte Tag auf dem Rad läßt sich richtig gut an. Inzwischen haben wir wohl die notwendige Resistenz gegen harte Fahrradsättel, staubige Wüstenwinde, kaputte Strassen. Es rollt jedenfalls einfach, als wir uns gegen 9 Uhr in Richtung Samarkand aufmachen.

Es geht über schlecht gepflegte Land-Straßen mit Riesenlöchern, Asphaltabbrüchen, Schotterabschnitten (meist dort, wo ein Wadi die Straße quert, also ein trockener Flußlauf, durch den sich nur in Zeiten der Schneeschmelze die Wassermassen Richtung Tal wälzen).

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Da staunen die Kids: Die Frauen tragen ja kurze Hosen!

Ausgerechnet neben einem Friedhof hebt es dann die Crossfahrerin an meiner Seite aus ihrem Sattel. Ein Riesenloch im Asphalt war wohl zu schlecht zu sehen … nix weiter passiert, sie stieg sofort wieder aufs Rad.

Trotzdem ging es insgesamt ganz gut voran und schon nach einer guten Stunde erreichen wir das erste Ziel des heutigen Tages: Das Mausoleum des Imam al-Buchari, des Schöpfers der Hadize – nach dem Koran wohl die zweitwichtigste Schrift des Islam.

Eine wunderschöne Anlage mit diesen typisch kobaltblauen Türmen der Samarkand-Moscheen mit ihren wunderbaren orientalischen Verzierungen.

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Der Eingang zum al-Buchari-Mausoleum

Der Aufschlag für Video-Aufnahmen ärgert mich – fünf Dollar sind dann doch etwas fett. Die Schmerzfreie an meiner Seite nimmt eine Fotoerlaubnis für 5.000 Sum mit (etwa 1,90 Euro).

Drinnen viele Pilger, zum Teil laut betend (ist dann der Fall, wenn das Gebet jemandem anderes gilt, erfahre ich). Auf alle Fälle ein lohneswerter Abstecher, wenn man schon mal in Samarkand weilt.

Eigentlich sollten hier unsere Räder wieder in den Bus verladen werden („schlechte Straßen, der Verkehr“), aber wir sind der Meinung ein bischen könnten wir ruhig noch radeln. Kurz nach dem Welcome-Tor der Provinz Samarquand ist dann wirklich Schluß – nach gut 26 Kilometern werden die Räder in den Bus gepackt und wir auch.

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Wildwechsel an der Einfall-Straße nach Samarkand

Insgesamt sind wir 389 Kilometer durch usbekische Wüste geradelt. Klingt nicht viel, ist aber schon eine Leistung auf die wir stolz sein können – angesichts der Umstände. Lange oder steile Anstiege, ein jedesmal gegen Nachmittag auffrischender Wind aus Richtung Samarkand (der uns also meist entgegen wehte),  für Fahrradfahrer wirklich katastrophale Straßen und nicht zuletzt die trockene Hitze (es waren ja nie unter 30 Grad) lassen Fahrradtouren in Deutschland einfach nicht mit denen in der Kyssyl Kum vergleichen.

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Einmal quer durch Usbekistan – nicht schlecht, oder?

Samarkand erreichen wir am späten Vormittag, der Verkehr ist hier in der Tat wie in allen usbekischen Großstädten laut, hektisch und unangenehm, wir hadern nicht mit der Entscheidung, die Tour vor den Toren der Stadt abgebrochen zu haben.

Das Drei-Sterne-Hotel „Ideal“ erweist sich zu unserer Überraschung als äußerst komfortabel, es gibt kostenloses W-LAN, selbstverständlich europäische Toiletten, Duschen mit Brauseköpfen und einem richtigen Wasserstrahl und braune Leder-Hausschuhe für den Gast. Wir waschen uns den Staub der Wüste vom Körper, genießen das warme Wasser.

Nach ständigen Abstürzen schaffe ich es mit Hilfe der Jungs an der Rezeption, die ersten lokal gespeicherten Blog-Beiträge ins Internet zu stellen. Ich müßte eigentlich hochzufrieden sein. Aber mich quälen Geldsorgen.

Der Sum, die usbekische Währung, scheint auch so ein Relikt aus Tausendundeiner Nacht – denn er hat die wundersame Eigenschaft, sich sofort, nachdem er vom orientalischen Wechsler in unsere Taschen gewandert ist, in Luft aufzulösen. Anders gesagt: Von unseren Dollars und Euros ist nicht mehr viel übrig, Nachschub muss her.

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Die Händler auf dem Markt zählen die Sum-Scheine gar nicht mehr – sie wiegen sie ab. Aber obwohl es so viel von diesen Scheinen gibt sind sie immer ratzbatz weg …

Kein Problem, denke ich mir, ich habe ja noch die American Express Traveller Cheques. „Kein Problem“, sagt Sokir, „Du hast – was? Na egal, das kriegen wir in der Nationalbank getauscht!“ Also marschieren wir zu Dritt durch die halbe Stadt zur Nationalbank. Dort empfängt uns eine streng dreinblickende Deschurnaja (für unsere Freunde aus dem Westen: Eine russische Concierge). Nimmt den Scheck mit spitzen Fingern, schaut kritisch drauf, läßt sich unseren Pass zeigen und beschließt dann: „So etwas tauschen wir nicht. Das macht die Kapitalbank.“ Ah ja.

Gut dass wir Sokir dabi haben, der aus ihr herauskitzelt, wo die Kapitalbank ihren Sitz hat. Nämlich am anderen Ende der Stadt. Wir nehmen ein Taxi. Taxis sind hier relativ billig, sie kosten 3.000 Sum, rund einen Euro – pro mitfahrender Person. Strecke ist egal (innerhalb Smarkands). Allerdings muss man in Kauf nehmen, dass noch weitere Leute für ebenfalls 3.000 Sum mitgenommen werden – will man das Taxi für sich allein, bezahlt man zu zweit 6.000 Sum.

Wir also zur Kapitalbank. Dort schauen zwei Milizionäre entgeistert auf meinen Traveller Cheque. Verweisen uns ratlos an die Kassen-Abteilung. Dort guckt man schon interessierter auf den Scheck, stellt aber fest, dass es sich wohl um ein amerikanisches Wertpapier handelt. Und die tausche man nicht.

Inzwischen stellt die finanziell gut gestellte an meiner Seite fest, dass sie ja auch eine Visa-Card besitzt. Wie wäre es denn mit der? Die Kassen-Angestellte verweist uns an das Valuta-Büro. Dort landen wir in der Abteilung „Sektor plastikowuich kart“. In der uns eine Dame erklärt, dass sie uns ohne die Hotel-Registrierung nicht bedienen könne (wir müssen bei jedem Aufenthalt in einem Hotel die Pässe abgeben und erhalten sie dann mit einem eingeklebten Registrierungs-Zettel zurück).

Sokir sorgt dafür, dass binnen zwanzig Minuten die Registrierungs-Nummer aus dem Hotel an die Abteilung Plastikkarten geschickt wird. Gut. Jetzt will die Dame die PIN-Nummer. Die hat die finanziell gut gestellte nicht – bisher reichte ja immer die Unterschrift. Nix mit Visa-Dollar.

Mittlerweile habe ich in einem Internet-Forum gelesen, dass das Hotel „Afrosyab“ Amex akzeptieren würde. Macht es vielleicht, erfahren wir nach einer weiteren Taxi-Fahrt, aber der Amex-Schalter ist heute nicht besetzt. Unverrichteter Dinge ziehen wir ab – Sokir meint, in Taschkent hätten wir wesentlich bessere Chancen an Geld zu kommen.

Wollen wir es hoffen.

P.S.: Karin und Thomas haben uns mit Bar-Geld aus der Patsche geholfen – Danke dafür!

Fahrtzeit: 1:32 h
Fahrtstrecke: 26,19 km
Durchschnittsgeschwindigkeit: 16,9 km/h

2 Gedanken zu „Radlos in Samarkand

  1. Da hast es mal wieder: Nur Bares ist wahres! Ich will nicht Schlaumeiern, aber amerikinskiy travellercheques. Hmm, wer macht denn sowas. Sollen wir Geld senden? Schöne Berichte einer offenbar schönen Reise! Wir sind ja schon soooo gespannt, Stefan

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