Einmaliges Erlebnis

So, die weit über 1.000 Fotos sind gesichtet, eine Auswahl von ihnen zur Präsentation bei Verwandten, Freunden und Bekanntn zusammengestellt, erste Info-Abende bei Trauben, Nüssen und getrockneten Datteln sowie Wodka veranstaltet. Wir haben aber auch was zu erzählen!

Aber nun ist es Zeit sich zwischen den Gängen zum Klo mal zurückzulehnen und Bilanz zu ziehen: Wie war sie denn nun, unsere exotische Radtour auf den Spuren der Seidenstraße?

Ein richtiges Abenteuer.

Mit unübersehbaren Pluspunkten.

Eine ganz tolle Landschaft – wenn man denn die Wüste, ihre karge Vegetation, die ständig wechselnden Gesteinsformationen mag (und ich mag das).

Die Wüste lebt

Die Wüste lebt

Wunderschöne  historische Bauten. Ja, zum Schluß waren es vielleicht ein wenig viele Mausoleen, Moscheen und Medresen, aber die orientalische Pracht dieser Kuppelbauten, ihre reich verzierten Eingangstore, die Kuppeln der Basare, die schlanken Minarette aber auch Paläste und die Festungen etwa des Emirs von Buchara oder von Alexander dem Großen in Nurata sind diese Reise unbedingt wert.

Der Registan-Platz in Samarkand

Der Registan-Platz in Samarkand

Unsagbar freundliche Menschen. Ich habe es so auf meinen zahlreichen Reisen noch nicht erlebt: Die Menschen kommen offen auf einen zu, interessieren sich, wollen fotografiert werden, helfen wo sie können, laden spontan zu sich ins Haus zum Tee ein.

Spaß-Macher in Samarkand

Radfahrer in der Wüste? Die Reaktion war überall gleich

Die Händler lassen einen in Ruhe ihr Angebot inspizieren (in der Touristenhochburg Samarkand mit ihrem Überangebot an Souvenir-Shops gilt das leider nicht mehr uneingeschränkt). Selbst die Autofahrer hupen vor Begeisterung, wenn sie uns sehen.

Aber es gibt auch unübersehbare Negativpunkte.

Der Zustand der Straßen ist katastrophal. Es macht einfach keinen Spaß auf ihnen zu radeln, weil der Blick ständig auf den Boden gerichtet ist – insbesondere in den Dörfern, die offenbar kein Geld zur Reparatur haben. Dabei hätte man sich doch dort lieber aufmerksam umgesehen.

Die Usbeken sind ein Volk von Verkehrsrowdies ohne Rücksicht auf Schwächere – wie zum Beispiel Radfahrer. Es ist Nationalsport, sich an Ampelkreuzungen aus der Rechts- oder Linksabbiegespur kommend noch vor die Schlange der Wartenden zu setzen und dann noch bei Rot anzufahren. Die Straßenseiten werden trotz Gegenverkehr wild gewechselt, vor Bergkuppen mit unvermindertem Tempo überholt, rücksichtslos nach rechts eingeschert, wenn man abbiegen oder jemanden mitnehmen will. Für Europäer das blanke Chaos (allerdings habe ich keinen Unfall und kein verbeultes Auto gesehen!)

Für Radfahrer der Horror: Straßenkreuzung in Mitan

Für Radfahrer der Horror: Straßenkreuzung in Mitan

Die hygienischen Verhältnisse sind für den Wohlstands-Mitteleuropäer sehr gewöhnungsbedürftig. Schmale Schlitze zu den als Toiletten dienenden Fäkalien-Gruben im Boden (die Angst, die nicht zu treffen!), sehr schlichte Waschmöglichkeiten meist ausserhalb der Wohnhäuser, Küchen, in die man mit westeuropäischen Augen lieber nicht hineinsehen sollte (was da rauskam war dann allerdings lecker!). Nicht mein Ding.

Der Ofen wird hier etwas anders vorgewärmt

Der Back-Ofen wird in der usbekischen Küche etwas anders vorgewärmt

Was für die Usbeken bequem ist verursacht mir schon nach kurzer Zeit körperliche Probleme. Das Sitzen im Schneidersitz an den tiefen Tischen brachte mir verweichlichtem Mittfünfziger nach kurzer Zeit Krämpfe in den Oberschenkeln, die Übernachtung auf schmalen, festen Matten auf dem harten Fußboden Rückenprobleme.

Bequem Schlafen

Bequem Schlafen? Na ja …

Und jetzt? Auf Karins und Thomas‘ Spuren auf exotische Radreisen durch Kuba, Südafrika, Thailand? Ich glaube nicht. In Europa entfallen die meisten der eben genannten Negativ-Punkte und hier gibt es auch noch so viel zu entdecken.

Die Tour mit dem Rad durch die Wüste Kyssyl Kum bleibt für mich somit vor allem eins: Ein einmaliges Erlebnis

4 Gedanken zu „Einmaliges Erlebnis

  1. Lieber Holger,
    schön geschriebener Bericht, dem ich nur beipflichten kann. Obwohl mich der Emir weitgehend verschont hat, gibt er unsere gemeinsamen Erlebnisse sehr gut wieder. Es hat Spaß gemacht, mit euch zu radeln, auch wenn es euch nicht gelungen ist, uns zu Wodkafans zu machen..
    Ich muss aber dann doch noch eine Lanze für Fernreisen mit dem Fahrrad brechen: Egal, ob in Europa oder dem Rest der Welt, ist Radeln für mich der beste Weg, ein Land wirklich kennen zu lernen. Die vielen kleinen Begegnungen am Wegesrand hat man nur mit dem Fahrrad und sind für mich unendlich wertvoll. Diese Erfahrungen fehlen dem Durchschnittstouristen, der mit dem Bus von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gefahren wird und Einheimische allenfalls als lästige Souvenirhändler wahrnimmt.
    Herzliche Grüße von deinem Mitradler Thomas

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    • Hallo Thomas, schön dass Du hierher gefunden hast!

      Ich habe ja nichts gegen Fernreisen mit dem Rad gesagt – eine Menge Erlebnisse dieser 14 Tage hätte ich als Pauschaltourist niemals haben können. Aber wenn ich nach 60, 70 oder 80 Kilometern Fahrt schwitzend ins Ziel komme, wäre mir schon eine ordentliche Dusche recht und des Nachts ein ordentliches Bett. Nenn‘ mich Weich-Ei, aber für mich persönlich spielt das auch eine Rolle – in meinem Jahresurlaub will ich nicht nur was erleben, sondern mich auch ein klein wenig erholen 😉

      Aber in der Rückschau fange ich schon an, die Sache nicht mehr ganz so hart zu sehen, Mann verdrängt eben doch relativ schnell. Wer weiss – vielleicht sehen wir uns ja in ein, zwei Jahren bei einer Radtour in China?

      Liebe Grüße an Karin!

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  2. Danke für die Grüße! Ja, China könnte ich mir auch vorstellen:) Obwohl, jetzt zieht es mich vielleicht mal wieder in die Tropen – Sri Lanka zum Beispiel? Durch Teegärten grooven und das Meer genießen?
    Je mehr ich über die Usbekistan-Rad-Reise erzähle, desto mehr treten die kleinen und größeren Unannehmlichkeiten in den Hintergrund und das „große Ganze“, also das Reiseerlebnis selbst, sticht positiv hervor. Die Mitradlerin Karin

    Gefällt 1 Person

    • Ach, ich muss mich doch noch einmal melden. Jetzt nachdem wir in so vielen Vorträgen vor der Familie, Bekannten und Interessierten aus unserem Dorf von der Reise berichtet haben, der Film fertig ist und das Fotobuch, merken wir doch langsam, wie unheimlich lehrreich, interessant und einmalig die Tour doch war. Sie hat im wahrsten Sinne des Wortes unseren Horizont erweitert: Angefangen mit dem wirklich sehr moderat praktizierten Islam über die gegenüber unserem Verständnis doch immer noch erheblichen Defizite in Fragen von Gleichberechtigung oder Erziehung bis hin zur geopolitischen Einordnung Europas in Zentralasien (wir interessieren die ja schlicht nicht, da sie sich im Spannungsfeld zwischen Russland und China bewegen) – wir ertappen uns ziemlich oft dabei wie wir in Debatten mit Freunden auf unsere usbekischen Erfahrungen verweisen. Die wir aus dem Touristenbus oder mit der begleiteten Leserreise (Ihr erinnert Euch an die Stuttgarter?) nie gehabt hätten.

      Kurz, es geht mir inzwischen wie Euch: Es bleibt das „Große“ dieser Reise und die kleinen Unannehmlichkeiten werden zu dem, was sie sind: kleine Unannehmlichkeiten.

      Gefällt 1 Person

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