4. Etappe – Die Schlammschlacht von Mikolajki

Die „Classic Lady“ spie uns am frühen Morgen an irgendeinem Kanal aus. 10 km vor Ryn (Rhein), wo wir ja schon einmal waren. Der Himmel tiefgrau, aber kaum Wind. Optimistisch radeln wir los. Es geht über kaputte, aber immerhin Asphalt-Straßen, an einer Stelle werden wir sogar von Bauarbeitern aufgehalten, die die Piste flicken. Mit einer Sand/Stein-Mischung.

Mitradlerin Silvi kommt heute besonders gut voran. Eine Dame am Nachbartisch hat ihr ihr E-Bike angeboten, da sie bei den Wetteraussichten lieber auf dem Schiff bleiben wolle.

Am Berg regelmäßig mühelos von einer strahlenden Tourenrad-Fahrerin überholt zu werden deprimiert uns allerdings binnen kürzester Zeit. Wir reden ihr ein, dass der Akku das nicht lange mitmachen würde und sie die Elektro-Zuschaltung vorsichtig einsetzen müsse.

Mit neuer Energie auf alten Strassen: Per E-Bike fährt's sich leichter

Mit neuer Energie auf alten Strassen: Per E-Bike fährt’s sich leichter

Ohne große Probleme meistern wir die ersten 10 km bis Ryn. Und während wir überlegen, ob wir uns die Kleinstadt ein wenig näher anschauen, nimmt uns der Himmel die Entscheidung ab. Ein Regenguss geht über der Stadt nieder. Wir flüchten uns in die Alte Mühle, einem großen Geschäfts- und Restaurantkomplex am Sportboothafen.

 

Hafen von Ryn

Ryn und Regen gehören für uns ab jetzt untrennbar zusammen. Blick auf den Hafen.

Aber wir können uns nicht ewig an dem ersten Morgen-Bier aufhalten, dass wir hier notgedrungen zu uns nehmen, uns erwarten frischer Kuchen und Kaffee in einem Hofmuseum, keine 13 km von Ryn. Also werfen wir uns die Regenjacken über und strampeln missmutig weiter.

Durch den Regen, gegen Wind, auf schlechten Straßen, über Kopfsteinpflaster und matschige Feldwege. Durch Krzysany (Steinwalde) nach Sadry (Zondern). Wo schon eine alte Ostpreussin den Kaffeetisch für rund 25 Radler von der „Classic Lady“ gedeckt hat (decken ließ). Da fühlte man sich gleich wie zu Hause:

Ostpreussische Kaffeetafel

Ostpreussische Kaffeetafel

Ihr Hofmuseum stellte sich als eine wilde Sammlung von Alltagsgegenständen heraus: Beispielsweise gab es für den, der einen Faible dafür hat, über 600 verschiedene Kaffeekannen zu bewundern. Aber auch noch original eingerichtete Stuben mit historischen Fotos, Urkunden und Plakaten sowie einen Dachboden mit einer Fülle von landwirtschaftlichen Geräten vergangener Zeiten.

In dem Hofmuseum

In dem Hofmuseum gibt es ein Sammelsurium an Alltagsgegenständen vergangener Tage

Die Chefin vom Ganzen hat ihren Mann überlebt („der is schon zum Friedhof jejangen“) und erzählt nun aus dessen und ihrem Leben. Sie hätte dazu gar nicht auf ihren riesigen Stuhl steigen müssen, ihre laute, befehlsgewohnte Stimme erstickt ohnehin jeden Funken von Unaufmerksamkeit im Raume.

Ostpreussin

Diese Ostpreussin ließ nie einen Zweifel aufkommen, wer denn hier der Chef im Raume ist

Wie es denn den Deutschen unter den Polen erginge, wird sie gefragt. Ach, gar nicht so schlecht, hören wir. Man konnte sich mit den Polen gut stellen, wenn man sie in Ruhe machen liess. Deutsch reden konnte man zu Hause und der Hof gab her, was man brauchte.

Und auch jetzt scheint es ihr gut zu gehen: Das neben dem Hofmuseum errichtete Hotel braucht jedenfalls (von außen) keinen Vergleich mit denen bei uns zu Hause zu scheuen.

Nach anderthalb Stunden werden wir höflich gebeten, uns doch nun vom Hof zu scheren – die nächste Reisegruppe kommt gleich. Und obwohl es draussen inzwischen in Strömen gießt hilft alles Klagen nicht. Wir schwingen uns wieder auf die Räder.

Rund 800 Meter dürfen wir auf dem Asphalt der Fernverkehrsstraße 59 rollen, dann ist Schluß mit lustig: Wir verlassen die Straße und begeben uns auf einen völlig durchgeweichten, moddrigen Wald- und Wiesenweg. Zu diesem Zeitpunkt nicht ahnend, dass wir uns auf diesem die nächsten 20 km abplackern dürfen.

Wir suchen in den Schauern nach Hinweisen auf unseren Radweg, weichen großen Pfützen und Schlammfeldern aus, können kaum noch das völlig durchweichte Heft mit den Routenempfehlungen lesen – und verfahren uns prompt wieder. Fluchend geht es einen Kilometer zurück und dann auf den höchsten Punkt der Strecke (151,4m). Wo uns laut Reisebeschreibung eine tolle Aussicht auf den Rheinschen See und das Talter Gewässer erwartet. Wir ignorieren beide und strampeln eisern weiter, um dann endlich in Jora Wlk (Groß Jauer) eine Gelegenheit zum Unterstellen und Abtrocknen geboten zu bekommen. Ein unscheinbares Einfamilienhäuschen, vor dem ein paar Bierzeltgarnituren unter einem Flachdach  aufgebaut sind.

Feuchte Urlaubsgrüße vom iPhone

Feuchte Urlaubsgrüße per iPhone

Aber hej, was entdecken wir, als wir ins Haus gehen? Eine urige, gemütliche Kneipe mit allem drum und Dran:

Ein Radler-Paradies!

Ein Radler-Paradies! Zu empfehlen ist der selbst Angesetzte der Wirtin

Eine Kleinigkeit zu essen, an der Wand ein Flachbildfernseher mit Olympia-Bildern, das Bier frisch gezapft – wir vergessenfür eine Weile, dass wir noch 12 km vor uns haben.

Alle Hoffnung auf eine Wetterbesserung während wir da gemütlich im Inneren saßen, erweisen sich als trügerisch: Der Regen prasselt noch immer so auf das Blechdach, wie bei unserer Ankunft. Verdrossen treten wir erneut in die Pedalen, hoffen, dass wir wenigstens so kurz vor Mikolajki wieder auf Asphalt kommen.

Pustekuchen.

Obwohl offenbar ein riesiges Urlausgebiet, mit einer Datsche neben der anderen am Talter Gewässer, und obwohl uns ein Luxus-SUV nach dem anderen überholt – die Piste besteht aus nassem, weichen Sand, der jeden Tritt zur Qual macht.

Die "Straße" nach Mikolajki

Die „Straße“ nach Mikolajki: 10 km Modder und Pfützen.

Dann endlich, zwei Kilometer vor der Stadt bekommen wir doch noch den ersehnten Asphalt – und starken Wind von vorn. Müde, geschafft und abgekämpft erreichen wir die „Classic Lady“ nach ungemütlichen 46 Kilometern auf dem Rad.

Der Kapitän grinst und macht sechs Bier und sechs Wodka fertig.

Und wir haken den Tag ganz schnell ab.