5. Etappe – Fähre, Pferde, Volksmusik

Ehrlich gesagt brauchten wir an diesem Morgen alles andere – aber nicht unsere in der Schlammschlacht von Mikolajki verdrecketen Räder unterm Hintern. Also ignorierten wir die Streckenempfehlung unseres Begleitheftchens erst einmal und gingen in die Stadt. Zu Fuß.

Die Stadt wird laut Reiseführer auch als Masurisches Venedig bezeichnet (ehrlich gesagt: dieser Vergleich ist hier völlig fehl am Platz – die haben einen Kanal!) und ein absolutes touristisches Zentrum: Mit vielen Restaurants, Souvenirständen, einen zu dieser Zeit voll belegten, großen Yachthafen.

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Ambitionierte Verkäuferin

Und während die Souvenirverkäufer versuchen, allen möglichen Tand an die Touristen los zu werden, streben die einer ganz anderen Preisklasse von Geschäften zu: Den zahlreichen Juwelieren mit ihren Gold- und Bernsteinketten.

Gott sei Dank würde Schmuck nur von der Schönheit unserer Frauen ablenken, also verzichten sie darauf. Und so können wir uns auf das Städtchen selbst konzentrieren. Es ist nicht groß, in knapp einer halben Stunde kann man alles wesentliche sehen, aber doch recht hübsch anzusehen.

Der Marktplatz von Mikolajki. Auf den Schautafeln sind historische Fotos aus 290 Jahren Stadtgeschichte (das Stadtrecht wurde 1726 verliehen)

Der Marktplatz von Mikolajki. Auf den Schautafeln sind historische Fotos aus 290 Jahren Stadtgeschichte (das Stadtrecht wurde 1726 verliehen)

Bemerkenswert sind die Kirchen des Ortes: In einer von ihnen war mal der Papst und die andere ist evangelisch-augsburgisch und doch wieder ur-preußisch:

Kirche in Mikolajki

Kirche in Mikolajki

Aber ach, das Schiff ruft. Es will heute noch zurück in den „Heimathafen“ der „Classic Lady“, nach Piaski, und wir müssen vorher unsere Fahrräder holen, um auf dem Landweg ins Aktiv-Ressort zu radeln. Aber Zeit für eine Kleinigkeit, die nehmen wir uns natürlich noch:

Masurische Fischsuppe

Masurische Fischsuppe

Die Etappe heute soll die kürzeste der ganzen Reise werden, lediglich 33 km, also gingen wir das Ganze doch eher gemütlich an. Vom Schiffs-Anleger geht es zunächst noch durch einen kleinen Voriort und dann auf (inzwischen) gewohnt sandiger Strecke durch den Wald Richtung Fähre Wierzba, die wir nach rund 6 Kilometern ruhiger Fahrt erreichen. Sie legt gerade ab, nimmt uns schnell noch mit. Sie zu verpassen wäre aber auch kein Drama gewesen: Die Seilfähre zieht sich alle halbe Stunde über ein Rollensystem an Drahtseilen über den schmalen Kanal und zurück. Den Preis für die Überfahrt habe ich jetzt vergessen, aber es war lächerlich wenig (50 cent?).

Die Fähre wird von den Touristen gut genutzt

Die Fähre wird von den Touristen gut genutzt

Auf der anderen Seite führt uns der Weg über 2 km Asphaltstraße in das Gelände eines Institutes: In der „Stacja Badawcza PAN“ kümmern sie sich, wenn ich das recht verstanden habe, um die Aufzucht und Züchtung von Pferden bzw. einer bestimmten Pferderasse. Uns war das egal, wir haben den Blick auf die edlen Tiere in ihren Gattern bei einem netten Glas Bier genossen, das man dort an einem Imbiss erhält.

Danach folgen wir einer etwas seltsamen Anweisung aus unserem Heft: „Achtung! Die Röhrenbrücke an der Toreinfahrt möglichst gerade ohne Lenkereinschlag überfahren“. Das sind solche Metallröhren, wie man sie auch an den Toren zu den Dämmen der nordfriesischen Inseln sieht: in leichtem Abstand zueinander verlegte Metallrohre quer zur Straße, über die sich Tiere wohl nicht zu gehen trauen. Na ja, denken wir uns, Sicherheitsmaßnahme für das Institut …

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Für uns kein Problem – für Pferde schon

Wir dachten, wir hätten das Pferdereservat verlassen – aber Irrtum: Wir fuhren hinein! Hier im Wald leben Wildpferde wirklich frei (natürlich sind Ein- und Ausgang mit hohen Zäunen begrenzt, links und rechts bilden der Warnoldsee und der Beldahnsee natürliche Grenzen). Die sind so frei, dass sie es sogar nicht nehmen lassen, von den durchreisenden Touristen Wegezoll in Form von Äpfeln und ähnlich Leckerem zu erpressen.

Frei lebendes Pferd

Was die alle erzählen – so wild bist Du doch gar nicht!

Fünfeinhalb Kilometer fahren wir auf Asphalt durch das Wildgehege, dann nach weiteren zwei Kilometern winkt uns ein alter Bekannter: Der Kirchturm von Wejsuny (Weissuhnen) – ein Ort, den wir schon während der ersten Etappe besichtigt hatten.

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Die Kirche von Wejsuny

Und so lassen wir usn auf bekannten Wegen auch noch die restlichen 4 km in das Aktiv Ressort, zum Anlegeplatz der „Classic Lady“ tragen. Wo wir eine schockierenden Nachricht erfahren:

Der Koch hat frei.

Aus diesem Grund, so ließ uns der Kapitän mitteilen, gäbe es heute einen „Integrationsabend“: Alle Gäste des Aktiv-Ressorts, also Polen und Deutsche, Niederländer und Schweizer, würden diesmal gemeinsam essen – es gäbe ein Grill-Buffet und einen Abend mit masurischer Musik.

Nun ja. Was soll ich sagen – ich bin sonst kein Freund solcher Veranstaltungen. Aber dieser Abend wurde Klasse. Weil er in einem Karaoke-Wettbwerb mit abwechselnd vorgetragenem deutschen Volksliedgut der neueren Art („Jaaaaaaaaaaaaaaaaaa er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch“) und polnischem Pop zweier Jung-Diven vom Küchen-Personal endete.

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Besser gesungen haben die Deutschen nicht. Aber sie waren lustiger.

Unterm Strich ein richtig erholsamer, ruhiger Tag.

Den hatten wir uns aber auch verdient!