3. Etappe -Rund um den Goldapgarsee

Die „Classic Lady“ bleibt heute an ihrer Anlegestelle in Gizycko, deshalb empfiehlt uns unser ‚Touren-Büchlein, doch mal einen Ausflug an den Goldapgarsee zu machen und dann in weitem Bogen nach Gizycko zurückzukehren. Na, warum nicht.

So erhalten wir auch Gelegenheit uns das frühere Lötzen ein wenig näher anzuschauen.30.000 Einwohner leben hier heute und das merkt man auch – mächtig viel Verkehr in der Stadt. Aber zum Glück gibt es hier für Radfahrer eigene Wege.

Wir passieren zunächst das große, weiße Kreuz, das an den heiligen Bruno von Querfurt erinnert, der hier vor ziemlich genau eintausend Jahren (1009) in Ausübung seines Amtes als glühender Missionar von heidnischen Prussen erschlagen wurde.

Kommen dann an einer kleinen Drehbrücke vorbei, die immer mal wieder den Straßenverkehr zum Erliegen bringt und Seglern die Möglichkeit gibt, vom Löwentin- in den Dargainen See zu wechseln.

Die Drehbrücke über den Gizycki-Kanal

Die Drehbrücke über den Gizycki-Kanal

Schon kurze Zeit später ein kultureller Höhepunkt: Eine offene Kirche. Evangelisch-Augsburgisch, wie das Schild am Eingang verrät. Erinnert irgendwie an die Schinkel-Kirchen in der Mark Brandenburg. Oder?

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Preussische Architektur mit polnischem Verbotsschild

Kaum aus der Stadt heraus sind wir wieder inmitten herrlicher Landschaft. Sanfte Hügel, die zwar nicht die Beine, aber doch das Auge des Radfahrers erfreuen, kleine Dörfer, fette Rinder. Leider nimmt der Wind stetig zu und es fängt an zu tröpfeln.

Unser Weg führt uns über Sandpisten und Waldpfade – und irgendwann ins Nirgendwo. Wir haben offenbar mal wieder eine Abfahrt verpasst. Mutig fahren wir geradeaus (irgendwo müssen wir ja rauskommen) und entdecken schließlich ein Schild. Das den Weg zu einem verlassenen bzw. verfallenden Friedhof weist. Aber wo ein Friedhof ist, da ist auch Leben, sagen wir uns, und in der Tat plötzlich stoßen wir auf den Ortseingan von Nw. Soldany (Neu Soldahnen). Das kennt auch unser Touren-Heft und verspricht: Nur noch 1,5 km bis Kruglanki (Kruglanken) -. der Tourismus-Hochburg schlechthin in der Gegend.  Das riecht nach einem gemütlichen Bier.

Kruglanki - ein Ort, wie geschaffen zum Pause machen. Der Gewitterwolke hinten kehren wir erst einmal einfach den Rücken zu.

Kruglanki – ein Ort, wie geschaffen zum Pause machen. Der Gewitterwolke hinten kehren wir erst einmal einfach den Rücken zu.

Kruglanki ist auch noch bemerkenswert, weil auf dem Gemeindegebiet 1956 wieder die ersten neu-polnischen Wisente ausgesetzt wurden (Ihr erinnert Euch: Der letzte war von August dem Starken oder seinem Kollegen Friedrich Wilhelm von Preussen bei gemeinsamer Jagd gmeuchelt worden). Zunäüchst standen die riesigen Tiere in einem Gatter aber dann sind sie ausgebüchst. Heute leben wohl an die 60 Wisente in Freier Wildbahn.

Kruglanki liegt am Südzipfel des Goldapgarsee und den wollten wir ja auch umfahren. Die Strecke war zunächst wunderbar, es rollte prima. Leider kam da aber was auf uns zu.

Dunkle Wolken

Das sieht nicht gut aus. (Gemeint sind natürlich die dunklen Wolken)

In Jasieniec (Groß Eschenort) hatte uns das Inferno dann endlich erreicht. Es pladderte nicht, es goß in Strömen. Glücklicherweise konnten wir uns in ein Bus-Wartehäuschen retten und dort die Sintflut überleben.Zusammen mit zwei deutschen Wanderern, die uns prophezeiten: „Laut Wetter-App wird es morgen noch schlimmer!“. Die beiden störte es nicht, sie wollten weiter nach Minsk (Weißrußland). Wir sind nicht die einzigen mit exotischen Urlaubszielen.

Mit dem Regen war nach einer Weile zwar Schluß, aber jetzt tropfte es von den Bäumen und die Strecke führte uns auch noch weg von der Asphaltstraße über matschig gewordene Sandwege am Nordufer des Sees entlang. Ein Campingplatz liegt hier neben dem anderen, die allerdings nur wenig Gäste hatten, so dass wir beschlossen, eine der Badestellen der Campingfreunde zu besuchen.

Baden im Goldapgarsee

Viel nasser als bei dem Regen vorhin konnte man im Goldapgarsee auch nicht werden

Erst hatten wir Regen, dann kam auch noch Wind dazu. Als wir die Wälder rund um den im Goldapgarsee verlassen, bläst er uns kräftig ins Gesicht. Und zu allem Überfluss geht es auch noch bergauf. Wir sind froh, als wir endlich Pozezdrze (Possessern) erreichen. Insgesamt haben wir jetzt 33 km hinter uns, es kommt uns vor wie 50.

In Possessern kann man einen kleinen Abstecher von vielleicht einem halben Kilometer machen, um mitten im Wald einen kaputten Betonblock zu besichtigen: Den Bunker des Reichsführers SS Heinrich Himmler. Warum der soweit weg von der Wolfsschanze seinen Privat-Bunker bauen ließ haben wir vor Ort nicht herausbekommen – sämtliche Schilder und Erläuterungstafeln sind in polnisch verfasst. Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass die „Feldkommandostelle Hochwald“ praktisch das Führer-Hauptquartier der SS war.

Der Bunker Heinrich Himmlers

Ein riesiger Betonklotz einsam im Wald: Der Bunker Heinrich Himmlers

Da ist uns die andere Sehenswürdigkeit des Ortes dann schon angenehmer aufgefallen: Die achteckige Kirche. Die zwar sehr schön restauriert ist, aber leider für uns verschlossen war.

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Die Kirche von Pozezdrze

Die Rückfahrt nach Gizycko verlief dann angenehm und ereignislos: Es rollte prima die rund 20 km zurück zur Anlegestelle der „Classic Lady“, eine gute Asphaltstraße, kaum befahren, größtenteils durch Wald führend – Radlers Freude. In nichts vergleichbar mit dem, was uns am nächsten Tag erwartete.

 

 

2. Etappe – Wolfsschanze

Der neue Tag beginnt so wie der alte endete: mit einer Schiffsfahrt. Während unseres Frühstücks an Bord schippert die „Classic Lady“ gemütlich über masurische Seen von Mikolajki hin nach Ryn (Rhein), einem 3.000-Einwohner-Städtchen im äußersten Westen unserer Masuren-Karte.

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Auch die „Chopin“ macht sich von Mikolajki aus wieder auf den Weg

Ryn entstand rund um eine Festung des Deutschen Ordens, von der freilich nicht mehr viel zu erkennen ist: sie wurde häufig umgebaut und sieht inzwischen eher wie ein Barockschloß aus. Für die Besichtigung haben wir keine Zeit, wir wollen zur Wolfsschanze – aber nicht auf dem vorgeschlagenen kurzen Weg, sondern auf der Alternativ-Route über Ketrzyn (Rastenburg).

Die führt uns zunächst einmal bergan. Nicht sehr weit, einen Kilometer vielleicht, aber danach geht es fast 10 km weit nur bergab – es rollt sich herrlich auf dem Asphalt. In Nakomiady (Eichmedien) trennen sich die beiden Strecken (die direkt zur Wolfsschanze führende und die über Rastenburg).

Dachten wir. Und bogen falsch ab. Dabei hätten wir noch drei Kilometer auf der Hauptstraße bleiben müssen.Wir aber wählen irrtümlich einen anderen Weg. Und lernen gleich mal, dass es zwei Formen von Straßen in den Masuren gibt: Die aus Asphalt und die aus Sand.

Die aus Sand haben es in sich. Mit Steinen durchsetzt. Von Pferdehufen, Traktoren und Wildnis-fähigen Allradfahrzeugen zu unablässigen Wellen geformt, mit Schlaglöchern übersät.

Radfahren auf Sand

Wo, bitte, geht es denn hier zur Straße?

Es rüttelt und schüttelt uns, wir denken „das kann doch nicht die offizielle Straße sein“ und suchen uns einen Weg zurück in die Radfahrer-Zivilisation. Just als wir den gefunden haben stelle ich fest: Mein Tacho ist weg. Bei der ganzen Rüttelei wohl aus der Halterung geflogen. Zerknirscht fahre ich die ganze Holperstrecke noch einmal zurück, aber es hilft nichts: Das 10-Euro-Teil bleibt verschwunden.

Nach ungefähr 20 km erreichen wir endlich Ketrzyn (Rastenburg). Eine kleine Ordensritter-Stadt, die uns vor allem durch ihre schöne Kirche (in der wieder gerade ein Gottesdienst stattfand, so daß wir auch sie nicht ausführlich besichtigen konnten) und einen klitzekleinen Mittelalter-Markt in Erinnerung bleiben wird, der in einem historischen Backstein-Hof aufgebaut worden war.

Schmied auf dem Mittelaltermarkt

Beim Schmied erhalten wir ein Hufeisen

Ketrzyn gibt uns Gelegenheit zu einer Mittags-Pause, dort ist alles ganz gut auf Touristen eingestellt, die Speise-Karte gibt es auch auf deutsch. Prima.Aber wir wollen ja noch zur Wolfsschanze, also verweilen wir hier nicht allzu lange.

Auf dem Weg in Führers Hauptquartier könnte man denken, der Kerl residiert noch heute dort: Eine Völkerwanderung findet auf der Asphaltstraße statt. Viele Autos mit deutschen Kennzeichen, aber noch viel mehr mit polnischem. Einer nach dem anderen jagt an unserer kleinen Radlertruppe vorbei. Es geht bergauf und wir sind nicht so gut gelaunt wie die tausenden von Menschen, die in den Bunker-Park strömen.

Siggi, der Reiseleiter der geführten Radler-Truppe an Bord erklärt uns später den Grund: Es ist Feiertag in Polen. Die Menschen haben Zeit.

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Den Schützenpanzerwagen kann man buchen. Salven aus der Bordkanone kosten extra

Und so ist das ehemalige Hauptquartier der Nazis im Osten heute eine riesige Kirmes. Mit mietbaren Schützenpanzerwagen, Schießständen, überfüllten Toiletten (im wahrsten Sinne des Wortes – sie wurden kurz nach unserer Ankunft „aus technischen Gründen“ geschlossen). Gruselig.

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Schiessübungen in einem der Bunker

Des deutschen Widerstands, des Attentats auf Hitler, gemahnt man fast ein wenig pflichtschuldig. Die Baracke steht natürlich nicht mehr, an ihrer Stelle erinnert eine kleine Stein-Skulptur mit Inschrift an die Tat Stauffenbergs und seiner Mitstreiter. Polen wie Deutsche schauen sich das an und gehen sich dann richtig gruseln – in den meterdicken Betonwänden der gesprengten Bunker Hitlers, Görings, Bormanns, Jodels und wie sie alle hießen. 80 Stück gibt es davon auf dem 250 Hektar großen Gelände.Gesprengt haben sie die Deutschen selber, als die Rote Armee die nur gut 30 km entfernte Stadt Angerburg eingenommen hatte. Das war am 24. Januar 1945.

Die Überreste des Göring-Bunkers

Die Überreste des Göring-Bunkers

Wenn man sich anschaut, wie eng das in diesen fensterlosen Verliesen war, wird einem klar, dass die alle an einer schweren psychischen Störung gelitten haben MUSSTEN …

Und während mir das ganze Volk und der verblichene Führer auf den Geist zu gehen beginnen, müssen wir doch noch länger als geplant in Bunkerasia verbringen: Einer unserer Radler hat sich was eingefangen. In seinem Hinterrad. Reifenwechsel erforderlich.

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Wenn das mal kein Zeichen war …

Unser Ziel an diesem Tag ist die Anlegestelle der „Classic Lady“ in Gizycko (Lötzen) und das ist noch eine ganze Weile hin – 29 km laut Reisebeschreibung. Also versuchen wir die Wolfsschanze schnell hinter uns zu lassen. Fahren erneut über Feld- und Wiesenwege, kommen dann nach rund 10 km endlich am Ortseingang von Doba (Doben) wieder auf asphaltierte Straße. Hier hätten wir sicherlich prima rollen können, wenn nicht ein plötzlich bei strahlendem Sonnenschein einsetzender Starkregen die Euphorie gebremst hätte.

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Regen und Sonnenschein

Zu Glück ist es nicht mehr so weit, nach weiteren 15 km erreichen wir den Ortseingang von Gizycko. Und wissen plötzlich nicht mehr weiter. Die Beschreibung im Begleitheft ist äußerst mißverständlich, wir wissen nicht, ob wir nun zur Festung Boyen fahren sollen oder aber die Straße, die zur Festung Boyen führt  entgegengesetzt nutzen müssen (dies stellt sich dann als richtig heraus). Wir diskutieren, suchen, probieren Wege aus und finden dann irgendwann doch noch zum Schiff.

Laut Plan haben wir an diesem Tag 67 km zurückgelegt, ich bin mir ziemlich sicher es waren mindestens 77. Glücklicherweise steht an Bord immer ein frisch Gezapftes für uns bereit.

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Geschafft.

 

 

 

 

 

1. Etappe – Pisz (Johannisburg)

„Die Johannisburger Heide“, so erklärt mir das ausgezeichnete Tourenbegleitheft von DNV-Tours, „war mit 970 Quadratkilometern größte zusammenhängende Waldgebiet Preußens“. Dunkle Kiefern und abwechslungsreiche Laubwälder, uralte Bäume, reiche Pilz- und Beerenvorkommen wurden uns versprochen, lauschige Seen, Wild und Heide.

Und was soll ich sagen: Die haben nicht übertrieben.

Kurz nach dem sehr reichhaltigen Frühstück machten wir uns auf. Ein wenig gestaffelt, denn alle 46 Passagiere  wollten ja nicht zusammen die Stille der Natur genießen, aber letztlich fuhr man sich doch immer wieder über den Weg.

Zunächst geht es auf asphaltierten Straßen in den Ort Wejsuny (Weissuhnen), der eine nette, gar nicht so kleine Kirche hat. Besichtigung allerdings nicht möglich – es ist Sonntag, im katholischen Polen ist das heilige Gottesdienst-Zeit. Also radeln wir weiter, immer noch auf Asphalt durch die Johannisburger Heide. Treffen an einem Campingplatz am See eine Dame aus Zwickau, die sich keinen schöneren Ort für ihren Wohnwagen vorstellen kann.

„Und die Mücken?“. „Welche Mücken?“

Nach rund 20 km erreichen wir wieder einen Ort – Karvik (Karwik). Und hoffen inständig auf eine Kneipe, denn radeln macht durstig. Finden aber keine, obwohl es sich anscheinend um einen Ferien-Ort handelt. Dafür stoßen wir aber auf ein Einfamilienhaus, in dem ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Autos fahren vor, Radfaher steigen ab und auf, Fußgänger gehen rein uns raus. Wir haben den Dorfladen entdeckt, der zum Glück auch sonntags geöffnet hat. Zeit für ein kleines Bier zwischendurch.

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Wo „Sklep“ dran steht ist meist Bier drin – auch sonntags

Inzwischen ist es vorbei mit der gemütlichen Asphaltstraße, wir kommen auf offenbar auch von Autos vielbefahrenen Waldwegen voran, erreichen nach ungefähr 30 Kilometern Waglik (Wonglik). Der Ort verfügt über einen alten Friedhof und wird ansonsten vom durchrauschenden Verkehr auf der Fernstraße 58 bestimmt.

Alte Grabsteine in Waglik

Alte Grabsteine in Waglik

Wir flüchten vor den unablässig vorbeiziehenden PKW und LKW auf eine Ausweichstrecke, die uns das Tourenbegleitheft anbietet und rollen schließlich nach rund 34 Kilometern in der 16.000-Einwohner-Stadt Pisz (Johannisburg) ein. Die einen sehr schönen Marktplatz und die größte Fachwerkkirche Polens hat. Leider können wir auch sie nicht besichtigen – sie ist geschlossen. Weil Sonntag ist?

Darüber hinaus ist Pisz noch als Sterbeort des letzten polnischen Wisents bekannt. Der 1698 von August dem Starken, damals König von Polen, oder dem preußischen Kurfürsten Friedrich II. erlegt. Man weiß es nicht so genau, aber es geschah verbrieft wegen einer für die Monarchen organisierten dreitägigen Jagd.

Das Rathaus von Pisz gehört zu den wenigen Gebäuden, die den Zweiten Weltkrieg überdauert haben (75% der Stadt waren zerstört). In seinem Schatten lassen wir uns im Außenbereich eines Restaurants an einem großen Holztisch nieder.

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Der Marktplatz von Pisz

Viel Zeit für Pizza und Pelmeni bleibt uns allerdings nicht – uns wurde am Abend zuvor schließlich deutlich eingeschärft, daß wir um 16 Uhr wieder an Bord zu sein hätten, weil das Schiff noch heute mit uns nach Mikolajki (Nikolaiken) fahren und pünktlich ablegen will.

Irgendetwas müssen wir auf der Rückkehr zum Schiff aber übersehen oder überlesen haben – wie sich herausstellt, haben wir es irgendwo verpasst abzubiegen und sind schon viel zu weit auf einem Waldweg unterwegs.

Wenn's so schön rollt, kann man schon einmal eine Abzweigung verpassen ...

Wenn es so schön rollt, kann man schon mal den Abzweig verpassen

Umkehren?

Nein, entscheidet die Reiseleitung – wir haben doch ausgezeichnete Landkarten mitbekommen und nach denen müßte es hier gleich einen Waldweg geben und der führt im Norden wieder an die Straße, die wir eigentlich nehmen sollten.

Denkste.

Wir landen auf der Fernverkehrsstraße 58 und sehen links von uns ein Ortsschild. „Das muss das Szeroki Bor auf der Karte sein, wo es eine Straße gibt, die uns direkt nach Norden führt!“, verkünde ich frohlockend.

War es aber nicht.

Eine Siedlung mit Neubauten mitten im Wald und einem Eisenbahngleis und – einem Riesen-Gitter quer über die Straße. „Militärisches Sperrgebiet“, teilt uns ein Schild mit.

Wir versuchen möglichst nicht verhaftet zu werden und das Sperrgebiet zu umgehen. Geraten auf immer kleinere Waldwege, überwinden quer liegende Baumstämme und dichte Beerenhecken. Und die Zeit rennt – noch eine Stunde bis zum Schiff.

„Das muss der See hier auf der Karte sein“, verkündet die Reiseleitung verzweifelt und versucht die Radgefährten zu motivieren, was immer schlechter gelingt. „Wenn wir den umrundet haben, sind wir an der Landstraße nach Wejsunen!“ Dann endlich, nach 20 Minuten Irrlauf und -fahrt durch masurische Wälder die Erlösung: „Da vorne ist die Straße!“.

Gott sei Dank, die Zivilisation hat uns wieder. Wie sich später herausstellt, war der Ort, den wir doch mit eigenen Augen gesehen hatten, gar nicht auf der Karte eingezeichnet, wir befanden uns an einer ganz anderen Stelle als gedacht.

Wie dem auch sei, Pünktlich 16:02 Uhr rollen wir auf den Anlege-Steg der „Classic Lady“. Nach 4:20 h reiner Fahrtzeit udn 69,7 geradelten Kilometern.

Und werden für die Strapazen des Tages mit einer wunderschönen Fahrt über Seen und Kanäle der Masuren entlohnt.

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Am Abend geht es in Richtung Mikolajki