4. Etappe Verona – Vicenza (76 km)

Um es mit Lothar Matthäus zu sagen: Erst hatten wir Regen und dann kam auch noch Sturm dazu. Nein, das Wetter meint es nicht gut mit uns.

Obwohl: Beim Start in Verona ging es noch ganz gut los. Trocken, ein wenig windig, na ja. Die Eurobike-Zeichen waren gut zu finden, die Stadt ließen wir relativ schnell hinter uns. Höhepunkt des ersten Drittels: Eine Fischfarm inmitten der Weinfelder. Hm.

Und danach kam der Regen – so ungefähr bei Kilometer 13. Und der Sturm. Natürlich immer von vorn. Und als ob das alles nicht genug sei: In der Gegend um (und auch in) Verona gibt es kaum Radwege, alles geht über öffentliche Straßen. Und dem italienischen Auto- und zumal LKW-Fahrer sind Radler wirklich herzlich egal. Wegen denen weicht man nicht aus, auch nicht bei Pfützen.

In Vago, nach ungefähr 20 km, überlegen wir Alternativvarianten: Mit der Bahn ab San Bonifacio oder Montebello. Aber wir machen uns noch einmal auf den Weg.

Zum Glück gibt's überall in Italien Cafés
Zum Glück gibt’s überall in Italien Cafés

Bei Kilometer 21 übersehen wir irgendwo in Sturm und Regen ein Eurobike-Zeichen, sind plötzlich auf der falschen Straße. Ich suche eine Alternativstrecke raus, aber auch auf der verfahren wir uns. Als wir auf einer italienischen Bundesstraße unter der A4 durchfahren, weiß auch ich nicht mehr recht, wie wir hier landen konnten.

Nicht überall sind die Hinweisschilder so groß
Nicht überall sind die Hinweisschilder so groß

Die freundliche Angestellte einer Bank erklärt uns, wo wir eigentlich sind, ich finde auf der Karte den Weg zurück auf unsere Route. Die führt leider über einen Weinberg, der 100 Meter über Stra thront – die Sportliche an meiner Seite ist der Dreifachgewalt von Sturm, Regen und Berg kaum gewachsen, ich locke sie mit der Aussicht auf ein tolles Mittagessen in der Weinstadt Soave, 5 km vor uns.

Dort, in der Festungsstadt, treffen wir Mitradler, die wir aus den gemeinsam gebuchten Hotels kennen. Zwei Allgäuer, die sich langsam auf das Ende ihres Berufslebens freuen können, sind ähnlich verzweifelt wie wir. Auch sie haben sich verfahren, auch sie finden Regen und Wind zu heftig. Und die Aussicht auf die avisierten 300 Höhen-Meter Steigung auf einer Strecke von vier Kilometern kurz hinter Brendola. Sie denken darüber nach, in den Zug zu steigen. Wir auch – bei einem Birra Nazionale, das hier praktischerweise in 0,66-Liter-Flaschen ausgegeben wird, einem Soave Classico sowie Tagliatelle con Asperagos in einem Restaurant, das so spitze war, daß es keine Salate, keine Pizza, keine Spaghetti, kein Bier vom Faß, keine Bruscetta führen muß.

Sonne in der Weinstadt
Sonne in der Weinstadt Soave

Die Überraschung, als wir wieder vor die Tür treten: Die Sonne scheint. Die Weinberge rund um Soave sind plözlich in kräftigem Grün, der Stein der Festungsmauern leuchtet, die Farben der Häuser auch. Der Regen ist weg, nur der kräftige, böige Wind bleibt. Er dreht immer so, daß er aus der Richtung kommt, in die wir fahren.

Dennoch bringen wir die nächsten 16 km auf öffentlichen, aber wenig befahrenen Straßen gut hinter uns, beschließen, uns an die 300-Höhenmeter-Hürde zu wagen. Leider bezieht sich der Himmel wieder. Nach einer kurzen Stärkung in Brendola machen wir uns an den Anstieg, bewältigen ihn mit einem 6er Schnitt. Um dann oben auf dem „Kamm“ vom Regen in die Traufe zu kommen.

4 km vor Vicenza geraten wir in einen fetten Platzregen. Dem können wir noch entfliehen, indem wir den Berg auf der anderen Seite wieder herunterrasen. Aber am Ortseingang von Vicenza erwischt es uns dann endgültig: Ein fettes Gewitter. Wir warten eine halbe Stunde unter einer Autobahnbrücke, flüchten dann in ein Café. In dem meine, wie fast immer, die einzige Frau ist. Ob morgens, ob abends, der Italiener trinkt seinen Ombre („Schatten“), einen kühlen Weißen unter Männern.

Im nicht so leicht zu findenden Hotel landen wir nach einer schwierigen Fahrt durch Vicenza sowie insgesamt sechs Stunden auf dem Rad, 76 Kilometern und durchschnittlich 12,7 km/h.

Wir sind stolz auf uns.

3. Etappe Gardasee – Verona (48 km)

Auf der Strecke zwischen Sirmione und Verona muss die Landschaft herrlich sein. Weitläufige Weingüter an sanften Hügeln, stille Kanäle, pittoresque Kirchen in verträumten, alten Dorfzentren. Hätten wir gesehen, wenn es nicht geregnet hätte.

Ein dicker, schwerer Landregen, unterbrochen nur von peitschenden Schauern, die von Böen des von vorne kommenden Windes begleitet werden. Nach 10 km ist mein 29-Euro-Regencape aus dem Fahrradspezialladen völlig durch, nach 12 km auch meine Fahrradjacke, nach 12,5 km das T-Shirt. In den raren Pausen bei den seltenen Unterstellmöglichkeiten läuft das Wasser wie aus einer Dachrinne aus meinen Hosenbeinen, jeder Tritt in die Pedale gibt einem das Gefühl, durch einen Sumpf zu laufen. Italien im Regen ist nicht gerade das, was man sich für den Aktivurlaub wünscht.

Ja, in Italien kann es auch regnen
Ja, in Italien kann es auch regnen

Nach dreieinhalb Stunden Fahrtzeit mit einem nur 13,9er Schritt erreichen wir die Stadt der Romantiker: Verona, Heimstatt von Romeo und Julia. Und wie zum Hohn hört es drei Minuten nach unserer Ankunft auf zu regnen, gegen Abend bricht sogar die Sonne ab und zu durch den grauen Himmel.

Ponte Scaligero
Die Ponte Scaligero

Ansonsten: Verona, Stadt der Romantiker? Wohl eher die der italienischen Schulklassen und der Japaner. Für beide Gruppen scheint der Besuch von Julias Geburtshaus unausweichliches Pflichtprogramm. Laut lärmend stürmen sie den Hof des alten Bürgerhauses, fotografieren den berühmten Balkon, der wohl aus einem noch älteren Sarkophag gefertigt ist (!), fassen einer Bronze-Julia an den dadurch hell glänzenden Busen.

Was soll man auf Julias Balkon auch sonst fotografieren?
Was soll man auf Julias Balkon auch sonst fotografieren?

Und die selben Truppen trifft man dann in der berühmten Arena von Verona wieder, einem der besterhalten Amphitheater aus der Zeit des Römischen Reiches überhaupt. Heute finden hier große Aufführungen statt, im Sommer wird Carmen, Aida, Don Giovanni gegeben, zwei Tage vor unserer Ankunft machte Alicia Keys hier auf ihrer Europa-Tournee Station.

Touristen und Schulklassen prägen das Straßenbild Veronas
Touristen und Schulklassen prägen das Straßenbild an der Piazza Bra

Dass Romeo und Julia und die Gladiatoren-Arena toll sein würden, war zu erwarten.

Nicht zu erwarten war, wie toll die Stadt selbst ist. Eindrucksvolle Paläste, wunderschöne Kirchen (zum Teil über dreizehn Jahrhunderte alt), die Macht der italienischen Städte des Mittelalters auf Schritt und Tritt. Ich bin beeindruckt. Und vergesse beim Bierchen auf der Piazza Bra (6 Euro für 0,4 l) ganz einfach den ganzen Vormittag.

2. Etappe Trient – Gardasee (60 km)

Trient zeigte sich am Morgen eher von seiner feuchen Seite: Es regnete in Strömen. Dazu dichter Verkehr, Baustellen, Umleitungen. Zum Glück ist die Richtung klar, wir müssen zurück an die Etsch und dann flußabwärts. Nach 4 km sind wir wieder auf Kurs.

Die Polizei kann zum Glück helfen
Die Polizei kann helfen

Gott sei Dank läßt der Regen bald nach, die Fahrt auf dem hervorragend ausgebauten Radweg ist angenehm, auch dank des Rückenwinds. Erneut kommt der einzige Platz zum Rasten zu früh – Bigis Grill, fünf Kilometer vor Rovereto, kann uns nicht locken, weil uns die in den Reiseunterlagen angepriesene Altstadt in diesem Augenblick mehr interessiert.

Festung über dem Etsch-Tal
Festung über dem Etsch-Tal

Die allerdings haben wir nie gesehen. Wir haben’s versucht, aber sofort, wenn man den Etsch-Radweg verläßt, gelten Zweiräder nicht mehr viel. Erst Recht in einer größeren Stadt wie Rovereto. Schlechte Ausschilderung, viel Verkehr – nach drei Kilometern Suche nach dem Zentrum geben wir auf und kehren zurück an die Etsch.

Dort geht es nur noch fünf Kilometer den Fluss entlang, dann verlassen wir das Tal und machen uns auf in Richtung Gardasee. Dazu gilt es den San Giovanni-Paß zu überwinden. Na gut, klingt gewaltiger als es ist – der ist nur 278 Meter hoch. Die Strecke führt eine alte Bahnlinie entlang, kaum Steigungen, kein Problem. Schwierig war es wie immer in der Stadt: Mori lernen wir näher kennen, als wir wollten, weil wir die Stadt bei strömenden Regen zweimal durchfuhren, um die richtige Ausfahrt Richtung Gardasee zu finden.

Dafür decken wir uns auf halber Strecke mit einheimischer Wurst und Käse ein.

Kurz hinter dem Giovanni-Paß geht es steil bergab – das Tacho bleibt bei 54,8 km/h Spitzengeschwindigkeit stehen, weil ich viel, aber nicht sooo viel Vertrauen in die Fahrradbremsen habe. Vom Streckenverlauf her wäre es auch schneller gegangen.

Der Gardasee
Kurz hinterm Giovanni-Paß: Blick auf den Gardasee

Das Wetter am Gardasee überraschte dann komplett – Sonne pur, obwohl der Wetterbericht Regen vorhergesagt hatte. mediterranes Flair allüberall. Palmen und Kakteen, volle Cafés, man fühlt sich weit, weit weg. Im Urlaub halt.

Genau so sollte eine Italien-Radtour sein
Genau so sollte eine Italien-Radtour sein

Mit der Fähre setzen wir über nach Sirmione, einer malerischen Altstadt auf einer Halbinsel im Süden des Gardasees. Die Überfahrt bezahlen wir mit einem DERtour-Voucher, wenn ich es recht gesehen habe, hätte die Fahrt 20 Euro plus 7 Euro für das Fahrrad gekostet. Pro Person.

Der Hafen von Riva wird zum Radler-Treff
Der Hafen von Riva wird zum Radler-Treff

Sirmione scheint das Sylt Italiens zu sein. Ich entdecke 11 Ferraris auf einem Parkplatz, dazu zahlreiche weitere Edelkarossen. Da hineinpassende Typen gibt es noch und noch, sie zeigen stolz ihre Porsche, BMW, Mercedes. Wir lassen uns auf unseren Fahrrädern nicht beeindrucken.

Wasserburg in Sirmione
Wasserburg in Sirmione

Beim Sonnenuntergang einsam am See, mit der einheimischen Wurst und dem einheimischen Käse und Birra di Lago vor Gewitterkulisse wissen wir: Besser als uns kann es denen auf keinen Fall gehen.