Letzte Meldung

Dies ist die letzte Meldung. Nicht im Sinne von Neuigkeit, sondern es handelt sich um die letzte Meldung aus einem Hotel heraus. Vorbei der Kampf um einen Zugang zum Internet, um abstürzende Programme der Telekom (braucht man für einen Zugang zu T-Online aus dem Ausland) und gegen nicht frei geschaltene Telefonanlagen. Die Tour nähert sich ihrem Ende.

Heute geht es noch einmal auf eine Kurzetappe bis zum Ziel Bonningues – knappe 20 km, schätzen wir. Direkt wären es sogar nur 15 km aber wir wollen noch ein wenig an den Strand. Obwohl der uns derzeit gar nicht will: Der Himmel ist grau, der Wind stark. Gegen 17 Uhr werden wir aus Calais Richtung Bonningues radeln, im Nachbarort Halt machen, Fahrräder und Autos schmücken und dann pünktlich um 19 Uhr einrollen. Fotos folgen!

Ruhetag bei der Tour

Das hatten wir uns ja wohl mal verdient: Heute war Ruhetag bei der Tour-à-France. Während ihn der eine Teil des teams zum Abtrainieren nutzte und noch einmal aufs Rad stieg (Richtung Strand) machte sich der andere Teil auf, um das Landesinnere zu Erkunden.

Dazu wurde der Toyota als Transportmittel reaktiviert – eine ganz neue Erfahrung für unsere Radler. Wie schnell man doch von einer Sehenswürdigkeit zur anderen kommen kann! Gegen 10:30 Uhr nahmen wir Agent 001 an Bord und dann fuhren Petra, Silvia, Eberhard und ich nach St. Omer einem kleinen Städtchen 30 km südlich von Calais. Nach Besichtigung von Marktplatz und Kathedrale (mit echtem Rubens an der Wand und einem Lokalreporter, der von uns wissen wollte, wie wir denn St. Omer so fänden) ging es dann weiter zum „Blockhaus“ von Eperlecques – einer riesigen Bunkeranlage, von der aus die Deutschen London mit der ersten in Serie hergestellten Rakete der Welt beschießen wollten. Fiel aber den Alliierten rechtzeitig auf und so legten sie die Baustelle auf der bis zu 35.000 Arbeitsdienstler und Häftlinge 130.000 Tonnen Beton in den 22 m hohen Betonblock reingossen rechtzeitig mit 365.000 kg Bomben lahm. Aber auch das was dann noch übrig blieb beeindruckt gewaltig.

Französisches Savoir-Vivre gab’s dann im „Rallye d’Artois“ einem gemütlichen Restaurant in der Nähe, wo wir ein 13-Euro-Menu erster Sahne genießen durften. Regionale Küche, echt lecker!

Noch leckerer dann ein paar Schritte weiter die Destillerie Persyn, einer der letzten beiden Privatdestillerien, die noch den berühmten Wacholderschnaps der Gegend brennen. 1970 waren es noch 32. Probeschluck, Besichtigung, Kauf waren Ehrensache.

Na, ob da noch was für uns drin ist?
Na, ob da noch was für uns drin ist?

Ein wenig später setzten wir 001 am TGV-Bahnhof von Frethun aus – Konspiration oblige (verpflichtet). Noch darf seine Tarnung nicht auffliegen.

Alles in allem also ein recht netter Tag: Und so die rechte Vorbereitung auf die morgigen Anstrengungen. Wie 001 andeutete, wurde wohl auch auf französischer Seite inzwischen ein geheimes Vorbereitungskomitee gebildet …

Victory Day – nicht für uns

Tja, da haben uns die Engländer überlistet. Und damit meine ich nicht die deutsche Vergangenheit und den Victory Day der heute überall im Lande begangen wurde. Nein, ich meine deren komische Maß- und Gewichtsangaben. Hey, wenn wir statt PS jetzt kW sagen müssen, warum können sich die Engländer nicht an km gewöhnen. So jedenfalls sind wir voll auf Friedhelms England-Karte hereingefallen. Die gab die Entfernung Dover-Canterbury mit 27 an. Und meinte Meilen. Und wir dachten Kilometer.

Früh am Morgen ließ sich alles noch ganz gut an. 2,5 km bis zur Fähre, dann auf der VIP-Spur eingeordnet (Fahrräder gehen zuerst an und nachher auch von Bord). Auf der einstündigen Überfahrt riß die dichte Nebeldecke auf und die Sonne kam raus und sollte den ganzen Tag durch scheinen. Und eine Stunde geschenkt wurde uns auch noch, weil die Engländer der zeit ja etwas hinterherhinken. Super.

Wir sind erste Priorität für Hoverspeed
Wir sind erste Priorität für Hoverspeed

Aber dann schon in Dover der erste Schock. Eine Steigung, die selbst Calle vom Rad zwang. So ungefähr 45%. Rauf auf den Kreidefelsen, zur Zitadelle, die über Dover tront (wo übrigens auch Feiern zum Victory-Day stattfanden). Aber wer denkt, einmal oben könne man dann gemütlich weiterradeln, der hat sich geschnitten. Die sanfte Hügellandschaft Kents wurde mehr und mehr zum Martyrium. Auf alle Fälle für die Ungeübten. Aber ich habe auch so manchen Amateur-Profi verstohlen fluchen gehört.

Gegen die Landschaft war gar nichts zu sagen, die war einfach toll. Malerische Dörfer, dichte Wälder, weite Felder. Und, man glaubt es kaum in England, hervorragend ausgeschilderte Radwege. Die leider nicht auf direktem Wege zum Ziel führen, wie wir später merkten. Sondern uns halt die schönsten Seiten Kents zeigen wollten.

Am Anfang haben wir uns die auch noch gern zeigen lassen. So gegen 10:30 Uhr Ortszeit wollten wir uns eine kleine Dorfkirche ansehen. Da war gerade Service (Gottesdienst). Der Pfarrer sah, daß da einige sangeskräftige Brüder und Schwestern sein Haus betreten hatten und lud uns ein, doch für 5 min teilzunehmen. Also schmetterten wir einige Lieder. Seltsam: Auch der Gottesdienst war dem Sieg im 2. Weltkrieg gewidmet und wir Deutsche mittendrin …

Aber wie gesagt, zunehmend fiel uns die Berg- und Taltour schwerer und so nach 35 km beschlossen wir, direkt nach Canterbury zu radeln. Ging auch ganz gut – bis Calle das Kugellager einer Pedale unter seinem enormen Antritt zerbrach. Spätestens jetzt stand fest: Wir müssen mit dem Zug zurück. Elisabeth (meine Tochter) in Berlin angerufen, Zugverbindung Canterbury-Dover im Internet raussuchen lassen, klappte wunderbar. Danke an dieser Stelle dafür!

Canterbury: Ziel erreicht
Ziel erreicht

Canterbury selbst wurde dann nach etwa 46 km erreicht. Die Stadt ist völlig überlaufen mit Touristen, aber die Kathedrale lohnt den Besuch. Vor allem für die Geschichtskundigen: Dies ist der Ort an dem der später heilig gesprochene Thomas Becket ermordet wurde, hier liegt Heinrich der IV. begraben, hier tobte sich Heinrich der VIII. am Klerus aus.

Der Träger des Gelben Trikots in Canterbury
Der Träger des Gelben Trikots in Canterbury

Die britische Bahn war dann ein Fish-and-Chips-Mahl später absolut pünktlich, komplikationslos (8 Fahrräder!) und sehr touristenfreundlich („wenn Sie sich hier hin stellen, stehen Sie genau vor einer Zug-Tür zum Einsteigen“). Prima.

Bilanz des Tages: 50 gefahrene Kilometer, davon 45 im Linksverkehr, 8 kaputte Radler und viele neue Eindrücke. Ist doch was.