Ladenburg und Worms (55 km)

Also so langsam wird es mir echt zuviel. Mit der Sonne. Ich kann die nicht mehr ab. Dabei begann der Tag so vielversprechend. Nämlich total bewölkt in Heidelberg.

Das Frühstück im IBIS war okay, wenn auch nicht ganz so liebevoll kredenzt, wie bei den beiden Hotels zuvor. Gegen neun Uhr sind wir dann los, rüber auf die andere Seite des Neckar. Auf der Brücke Aufstellung zum Gruppenfoto, ich fürchte vom Hintergrund, dem Heidelberger Schloß, sieht man nicht viel.

Gruppenfoto
Gruppenfoto ohne Schloss in Heidelberg

Hendrik, Student in Heidelberg und Sohn eines der beiden Paare, mit denen ich unterwegs bin, zeigt uns – ebenfalls auf dem Fahrrad – seine Universitätsstadt. Biologen, Physiker, Chemiker und ihre Institute, die Orte, wo die Studentenschaft feiert, seine Wohnung in Handschuhsheim. Interessant.

Dann begleitet er uns noch bis Ladenburg. Eine Stadt mit wunderschönem mittelalterlichem Zentrum, pittoresk aussehenden Fachwerkhäusern aus dem 17. Jahrhundert. Für Hendrik hat sichs gelohnt: Selbstverständlich bekommt er auch sein Bier im Kaffeehaus am Marktplatz. In dem ich staune: Das modernste Klo, das ich auf der ganzen Reise gesehen habe. Designermäßig eingerichtet. Und der Clou: Über den Steh-Becken der Männer gerahmt der „Mannheimer Morgen“. Aktuell, vom Tage! Da möchte mann ja gar nicht mehr weg vom Pinkel-Becken …

Ladenburg
In den Gassen von Ladenburg

Bei der Ausfahrt ärgere ich mich erneut über die schlechte Ausschilderung in den Städten. Wir nehmen zunächst die falsche Ausfahrt, ein freundlicher Postbote, von Micha interviewt, bringt uns auf den rechten Pfad.

Der führt um Mannheim herum, an mehreren amerikanischen Kasernen vorbei. Gesichert wie Fort Knox, mit Androhung von Schusswaffengebrauch und drakonischen Strafen, falls man fotografiert. Allerdings sieht man nicht einen Soldaten.

Dann fahren wir durch das Mannheimer Naherholungsgebiet, die Karte gibt nicht genau preis wie das heißt: Herrschaftswald oder Karlsstern. Es fährt sich ganz angenehm, die Strecke geht schnurgeradeaus. Allerdings ist der Asphalt ein holpriger. Aber wir sehen in einem Gehege nordamerikanische Bisons und Wildschweine – lustig. Der Italiener am Karlstern ist Klasse, nicht nur das Bier schmeckt, auch Spaghetti, Pizza, Salate und Pasta. Empfehlenswert.

Bisongehege bei Mannheim
Bisongehege bei Mannheim

Als wir den Wald gegen Eins verlassen, flimmert die Hitze über den Feldern, das Fahren strengt an. Ich will ja nicht den Eindruck vermitteln, das Ganze sei eine Sauftour, aber die trockenen Kehlen zwingen uns schon nach zehn Kilometern erneut in einen Biergarten. Hier, zwischen Heidelberg und Worms, gibt es wengistens genug davon.

Baum mit angeschlossenem Biergarten
Wir nutzen jeden Schatten, den wir kriegen können. Wenn da eine Kneipe dran hängt – umso besser!

Danach müssen wir erneut Umwege machen, weil Bund, Land und die EU einen Rhein-Damm rückverlegen. Das ist in unseren Fahrplänen nicht vorgesehen, wir suchen uns selbst eine Alternative.

Wir fahren nur noch durch offenes Gelände, ich bekomme einen Sonnenbrand und Sonnenschutzcreme Faktor 30 von Birgit.

Kurz vor Worms erneut eine Riesenbaustelle: Die Nibelungenbrücke wird verdoppelt. Die alte Brücke erhält einen neuen Belag, daneben ist eine neue bereits in Betrieb. Uns Radfahrer stört es nicht, nur die Autos müssen sich durch die Baustelle quälen oder Umwege suchen. Eines fährt mich dabei fast um. Nur weil ich das Rot einer Fahrrad-Ampel übersehen habe.

Worms wird gerade in seiner Hauptader, der Rheinstraße, aufgerissen. Wir klettern durch die Baustelle, versuchen irgendwie, der Wegbeschreibung zu folgen. Sinnlos. Mit viel Fragerei und Gesuche finden wir unser Hotel, das Asgard. Sehr freundliche Bedienung, da fühlt man sich willkommen.

Am Abend dann noch Pflichtprogramm: Besuch des Wormser Doms. Mann, hier weht der Mantel der Geschichte! Am Nordtor des Doms stritten sich Kriemhild und Brunhilde, 50 Meter weiter sprach Luther sein „hier stehe ich, ich kann nicht anders“. In der Gruft des Doms findet sich das Grab von Konrad dem Roten – gestorben 950!

Hier liegt Konrad der Rote - seit über 1.000 Jahren!
Hier liegt Konrad der Rote – seit über 1.000 Jahren!

Morgen ist Schluss mit Biergärten und Weizen und Pils – es geht auf den Radweg Deutsche Weinstraße. Bin gespannt, ob wir da auch so gut zurecht kommen.

Schwetzingen und Heidelberg (56 km)

Mein Sattel wird immer härter. Mein Hintern auch. Beides verträgt sich nicht so recht miteinander.

Wir verlassen Germersheim kurz nach neun Uhr. Zuvor haben wir wirklich ordentlich frühstücken können. Es wird die letzte Nahrungsaufnahme für lange Zeit gewesen sein.

Die Festung sparen wir uns – zu viele interessante Punkte liegen vor uns, als daß wir uns noch Militärbauten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts antun müssen. Überhaupt eine Schwäche der Radwanderungen, wie mir scheint: Die Start und Zielpunkte werden stiefmütterlich behandelt, weil man abends zu kaputt ist, um sich noch was ansehen zu wollen und morgens zu unruhig, weil man evtl zu viel Zeit verplempert, die einem dann im Laufe des Tages dann fehlen könnte.

Na ja, wir also so gegen halb zehn über den Rhein, auf das rechtsrheinische Ufer. Fahren bis Philippsburg, dort unmittelbar am Atomkraftwerk vorbei, folgen dem Fluß weiter nach Oberhausen und Rheinhausen.

Micha am AKW
Ha Ho He – stürmt das AKW!

Ich dachte immer, die Fahrradtouristen müßten doch eine Goldgrube für die einheimische Gastronomie sein. Aber die schwimmt offenbar schon im Geld. Auf den ersten 20 km nicht eine einzige Möglichkeit zum Pause machen: Kioske und Hotels haben zu, Biergärten machen erst um 17:30 auf, nicht einmal der Bioladen in Rheinhausen kann uns Erfrischendes bieten. Erst im Weißen Hirschen in Altlußheim kredenzt man uns Weiße und Helles. Übrigens wieder für 11,80 Euro die Runde, scheint hier ein Einheitspreis zu sein.

Wir folgen weiter dem Rhein, lassen das auf dem anderen Ufer liegende Speyer links liegen, kommen nach Ketschau. Die Bemerkung unseres Reiseführers zu diesem Ort hatte ich der Truppe seit Rheinhausen immer wieder vorgelesen: „In der Nähe von Ketschau führt die Route direkt an einem sehr schönen und gerade am Wochenende viel frequentierten Biergarten vorbei“.

Und der Reiseführer hatte nicht gelogen. Weit über 100 Fahrräder zeigten an: Hier nimmt man uns Radler noch ernst. Der Johannishof ist hervorragend organisiert und auf Wanderer eingestellt, Katharina bediente sehr freundlich und schnell, das Essen war absolut lecker und das Bier zischte. Die Küche ist nicht nullachtfuffzehn, der Koch probiert aussergewöhnliches und bietet kräftig Einheimisches. Wir entscheiden uns für ein Pilz-Tomaten-Risotto, Paprika-Würstchen, Bratwürstchen mit Sauerkraut, Flammkuchen. Alles empfehlenswert.

Eine Oase für Radler: Der Johannishof
Eine Oase für Radler: Der Johannishof

Am frühen Nachmittag kommen wir in Schwetzingen an, das ich bisher nur vom Wettsingen (Söhne Mannheims) kannte. Aber auch hier eine dicke Überraschung: Schloß und Schloßpark sind ein absolutes touristisches Highlight. Der Park sehr französisch, akkurat ausgerichtet und zugleich voller bunter Sommerblumen. Da überraschen Wasserspiele, Skulpturen in grünen Nischen, eine ganze Moschee (als Gestaltungselement im türkischen Garten war). Auch hier der Tipp, mal vorbeizuschauen.

Schloss Schwetzingen
Erinnert an Versailles: Schloss Schwetzingen

Der Weg nach Heidelberg erwies sich dann als tückisch: Die ausgewiesene Radstrecke wurde mehrfach durch Großbaustellen unterbrochen, irgendwelche Umgehungsstraßen, nehme ich an. Wir suchen uns neue Wege, kommen irgendwie nach Heidelberg rein. Hier kommt mir in einem Autotunnel auf ganz schmalem Weg ein Radfahrer entgegen, der gar nicht daran denkt, unserer Fünfertruppe auszuweichen, obwohl er auf der falschen Seite des Tunnels fährt. Ich schramme mir den rechten Unterarm beim Streifen der Tunnelwand auf und hasse erneut die sehr Fahrradfahrer-unfreundlichen Städte der Gegend.

Nicht immer war der Weg romantisch
Nicht immer war der Weg romantisch

Wir sind im IBIS-Hotel am Hauptbahnhof untergebracht. Man merkt, daß wir in einer touristischen Hochburg übernachten – Zimmerplatz ist rar. Um mich nach dem Duschen wieder anziehen zu können, muß ich das schmale Bad wieder verlassen. Der Fön ist vorhanden, aber funktioniert nicht. Na ja, aber sonst scheint das Hotel in Ordnung.

In ein paar Minuten geht es noch einmal los, nach Heidelberg rein. Hoffentlich entschädigt mich die Stadt für den Tunnel-Rüpel.