Die Rache des Emirs

Es musste ja so kommen: Die Rache des Emirs greift nach mir, meinem Körper, meinem Verdauungstrakt. Immer wieder zurückgeworfen von den westlichen Medicussen und ihrer Medizin starten die Truppen des Königs von Buchara doch Angriffswelle um Angriffswelle, so wie es schon früher die von Montezuma oder die des Pharaos versuchten.

Doch im Gegensatz zu denen hat der Emir noch eine weitere, furchtbare Geheimwaffe: Seine Bodentruppen. Die Schlaglöcher, Risse und Buckel im Asphalt der usbekischen Straßen machen mich wahnsinnig. Sie schütteln mich und meinen Magen-Darm-Trakt durch  und durch, es ist absolut kein angenehmer oder gar erholsamer Trip heute für mich. Dabei hatte ich mich gerade auf die Fahrt durch die Kyssyl Kum so gefreut.

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Abschiedsbild mit Töpfermeister

Das fing schon in Gijduvan an. Nachdem wir uns von Töpfermeister Abdullah Aka verabschiedet hatten, ging es mitten durch die 50.000-Einwohner-Stadt Richtung Nordosten. Eine echte Herausforderung. Für uns und die usbekischen Autofahrer. Für uns, überhaupt heil aus der Stadt zu kommen, für die Autofahrer uns zu zeigen, dass es ihre Stadt ist, deren Verkehr wir gerade aufhalten. Das Gehupe, Geschneide, knappe Überholen! Zum Glück konnte die Geistesgegenwärtige noch rechtzeitig nach rechts ziehen, als ein PKW-Fahrer auf enger Straße unbedingt noch an unserer Kolonne vorbeiziehen mußte, trotz entgegenkommenden Bau-Kippers.

Die ersten 7,5 km verbrachten wir so in höchster Konzentration und Anstrengung, den Blutdrucksenker am Morgen hätte ich mir sparen können.

Dann, in Richtung Kyssyl Kum wurde es zum Glück ruhiger. Kyssul Kum, das bedeutet ja Rote Erde, ist in ihren Ausläufern eine bewachsene Wüste. Flache Sträucher, deren Wurzeln bis zu 30 Meter tief reichen und sich von dort das notwendige Wasser holen haben sie besiedelt und ihre Blüten sind im Frühjahr und im Herbst rot – daher der Name Rote Erde. Tatsächlich ist es eine staubige, gelbe Gesteinswüste, die sich über eine Fläche von 350.000 Quadratkilometer erstreckt – womit die Kyssyl Kum größer ist, als die ganze Bundesrepublik.

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Die Kyssyl Kum macht in weiten Teilen einen doch recht leeren Eindruck

Wir hatten heute um die 30 Grad Celsius im Schatten, in der Wüste brannte die Sonne mit gefühlt 50 Grad. Auf meiner rechten Wade kriege ich einen fetten Sonnenbrand, was bedeutet, wir fuhren tendenziell nach Osten.

Auf der geraden Asphaltstraße kaum Autos, aber mitten in der Wüste plötzlich ein Kontrollpunkt der Sicherheitskräfte (ob es Polizei oder Militär war konnte ich nicht erkennen). Striktes Fotografier-Verbot. Solche Kontrollpunkte gibt es wohl an allen größeren Straßen, wenn die Provinz gewechselt wird – wir haben also die Region Buchara verlassen. Ansonsten sieht man in der Kyssyl Kum höchstens mal einen Hirten mit Schafen, Ziegen, Rindern oder Pferden.

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Ein dreirädriger Traktor beackert ein brachliegendes Baumwollfeld

Nach einem anstrengenden Ritt gibt es an Kilometer 52 in dem Oasenstädtchen Kanimekh endlich ein Bierchen für mich und Mittag für die anderen (Karin bekommt, da sie ähnliche Probleme wie ich hat, zwei Bananen). Plötzlich finde ich die Maxime unseres Rad-Kumpels Eberhard, wonach es das erste Bier nicht vor 10 Uhr und frühestens nach 25 km gibt gar nicht mehr so schlimm wie noch in Deutschland.

Das Bier übrigens kam in der praktischen 1,25-Liter-Flasche auf den Tisch – zum Glück half die Mitleidige an meiner Seite ein wenig bei seiner Beseitigung. Zum Wanken bringt mich das „Stolichnaya Silver“ nicht – es hat nur 3,2 Prozent (übrigens kosten 0,5 Liter Bier in Straßen-Cafés und Restaurants normalerweise zwischen 3.000 und 7.000 Sum, also zwischen 80 cent und 2,30 Euro, in der Spitze in den Touristenzentren von Buchara und Taschkent auch mal 3,30 Euro).

Nach weiteren 25 km Fahrt erreichen wir Tasrabat. Hier kommen wir bei der Familie eines Hirten unter, wobei diese Bezeichnung auch schon wieder in die Irre führt: Der Mann hat 1.000 Schafe in der Steppe zu laufen, heute beaufsichtigt von seinem Bruder. Sie dienen der Fleischproduktion und müssen zusammen mit den Einkünften der Söhne, die alte, russische Autos reparieren (die hier noch massenhaft unterwegs sind) Mann, Frau, besagte zwei Söhne und deren Frauen sowie zwei Enkelkinder ernähren.

Unser Reiseleiter zeigt uns den Raum, in dem wir schlafen werden: Ausgelegt mit Matten (keine Betten) für alle vier Deutschen. Wer zuerst einschläft hat gewonnen.

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Ein Waschbecken reicht für alle. Im Hintergrund die Hausfrau beim Kräuter sammeln.

Zu den leckeren Sachen, die uns aufgetischt werden gehört auch eine Flasche Wodka. Das hilft mir über die Härte des Fußbodens hinweg bis zum nächsten Morgen. An dem es nichts mehr hilft, ich muss das orientalische Klo benutzen. Geht alles, wenn auch mehr schlecht als recht. Ist wahrscheinlich aber nichts gegen das, was uns bevorsteht – der Karakarga-Pass. Wir sind laut Thomas derzeit auf 360 Meter Höhe, der Pass hat 800 Meter. Die nächste Herausforderung wartet.

Tages-Etappe:
4:20 reine Fahrtzeit
78,24 km zurückgelegte Strecke
18,0 km/h im  Schnitt 

Auf die Räder, fertig …

Mein Fahrrad und ich, wir mögen uns nicht besonders. Wir haben uns heute kennengelernt und es war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick. Aber der Reihe nach.

Der Tag begann herrlich. Ausschlafen, üppiges Frühstück von Madame Helene und ihren fleißigen Service-Kräften und danach Freizeit bis 14 Uhr. Die wir dazu nutzten, uns noch ein wenig das alte Buchara anzusehen.

Zu Fuß machten wir uns auf die Suche nach tollen Fotomotiven. Von denen wir mehr als genug fanden. Die Straßen der Altstadt sind in einem für westeuropäische Augen erbärmlichen Zustand, die kahlen Lehmwände, die sich mit unverputztem Mauerwerk ablösen, die wie provisorisch an den Häusern angebrachten Strom- und Gasleitungen bestärken das Bild einer ärmlichen Gegend. Dabei täuscht der.

In der Altstadt von Buchara

In der Altstadt von Buchara

Dort wo man mal hinter die oft prächtig verzierten Tore blicken kann, sieht man saubere Treppenhäuser, Grün in den Höfen, oft eine Bank und einen Tisch zum Nachbarschafts-Palaver.

Und immer wieder stößt man auf alte Mausoleen, Koranschulen oder Moscheen. Teilweise stark verfallen, aber der Wille zum Wiederaufbau der einstigen Prachtbauten ist überdeutlich – an vielen von ihnen wird gewerkelt und gemacht und getan. Vor einem dieser gerade in Renovierung befindlichen Moscheen weht an einem riesigen Holzmast ein Pferdeschweif – Hinweis darauf, daß hier ein Heiliger begraben liegt.

Mausoleum eines Heiligen - Verfallen, aber im Wiederaufbau

Mausoleum eines Heiligen – Verfallen, aber im Wiederaufbau

Auf unserem Weg besichtigen wir auch das Judenviertel – wo heute nur noch knapp über 50 jüdische Familien leben, der Rest der zu Sowjetzeiten immerhin noch weit über 5.000 Buchara-Juden ist ausgewandert, nach Israel oder in die USA. Ihre Häuser verkauften sie unter Zeitdruck an Geschäftsleute – mit der Folge, dass hier heute die höchste Bed&Breakfest-Hotel-Dichte Usbekistans zu verzeichnen ist. Der Exodus läßt sich wohl nicht mehr aufhalten, obwohl viel dafür getan wird, den Juden ein Leben nach ihren Regeln zu ermöglichen – vor der einzigen jüdischen Schule des Landes (Unterricht in hebräisch) finden wir Dutzende fröhlich lärmender Kinder beim Pausenspiel in der Gasse. Die Synagoge hat leider zu.

Pause an der jüdischen Schule in Buchara

Pause an der jüdischen Schule in Buchara

Um 14 Uhr dann nehmen wir unsere Räder in Empfang, Ich versuche fluchend den Kilometerzähler in Gang zu bringen, es klappt nicht. Thomas wechselt an seinem Rad den Sattel und flucht wahrscheinlich nicht weniger – seine Gangschaltung ist nicht in Ordnung, der erste und der siebente Gang lassen sich nicht schalten. Wird am Abend repariert.

Luft! Luft! Ich brauch' mehr Luft!

Luft! Luft! Ich brauch‘ mehr Luft!

Und dann geht es endlich los mit unserer Radtour auf der Seidenstraße: Zum Kennenlernen der Räder machen wir eine 25-km-Tour zu einer Pilgerstätte vor den Toren der Stadt. Und ich lerne, dass Radfahren nicht immer, so wie etwa bei uns zu Hause, Spaß macht.

Wir sind bei Buchung der Reise gefragt worden, welche Art von Rad wir denn gern hätten: klein, mittel oder groß. Ich hatte mich für mittel entschieden, weil ich ein mittelgroßer Mensch bin. Was in Deutschland stimmt, nicht aber in Usbekistan. Kurz: Mein Rad ist mir zu klein.

Ein Mountain-Bike, dessen Lenker man nicht höhenverstellen kann. Ich hänge auf dem Gefährt wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein, fühle mich unwohl. Später stelle ich den Sattel runter was auch nicht so richtig Erleichterung bringt, weil nun meine Knie beim Treten viel zu hoch kommen. Gut für die Bauchmuskulatur, schlecht für das allgemeine Wohlbefinden. Zum Glück hat der Lenker solche Bullenhörner, die stelle ich nach oben, so daß ich wenigstens ab und zu aufrecht fahren kann.

Immer geht freilich auch das nicht, weil ich nun meine Finger nicht mehr unmittelbar an Gangschaltung und Bremse habe. Gerade die aber brauche ich im Stadtverkehr von Buchara.

Sind nunmal keine Stadt-Räder ...

Sind nunmal keine Stadt-Räder …

Radfahrer sind in Usbekistan in der Rangordnung weit hinter den Fußgängern angesiedelt und die sind schon gern einmal Freiwild raumgreifender PS-Attentäter. In denen wohl noch das Blut der Goldenen Horde finsterer Mongolenstämme zirkuliert: Die Fußgänger-Ampel zeigt Grün? Interessiert hier kaum jemanden, es wird trotz Rot mit unverminderter Geschwindigkeit durchgebrettert. Da ist eine kleine Kolonne von Fahrradfahrern am rechten Fahrbahnrand? Mir doch egal, ich muss schließlich bei den alle paar Metern am Straßenrand stehenden Schulkindern halten, die nach Hause wollen. Kurzes Hupen und dann nach rechts eingeschlagen, bremsen können ja die Radler.

Man kann sich auf diese Fahrweise einstellen, muss nur darauf achten schnell genug über Kreuzungen und an Einmündungen vorbei zu kommen, dann geht das schon. Aber es stresst.

Und Du meinst wirklich, Sokir, dass die Autofahrer jetzt mehr Respekt vor uns haben?

Und Du meinst wirklich, Sokir, dass die Autofahrer jetzt mehr Respekt vor uns haben?

Später, als wir so etwa 5 Kilometer aus der Stadt raus sind, beruhigt sich das alles völlig, es fahren kaum noch Autos, obwohl wir auf einer Nationalstraße (der 3) unterwegs sind. Die, die uns überholen hupen begeistert: Guckt mal, schon wieder so ein paar komische Typen mit Fahrradhelmen und Rucksack!

Das Ziel unseres kurzen Ausflugs hat sich übrigens wirklich gelohnt: Das Grab des islamischen Gelehrten  Baha-ud-Din Naqschband ist von einer wunderschönen Anlage mit Moschee und Herberge für die zahlreichen Pilger, die hierher strömen, umgeben.

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Aus dem Wander-Stab des „Abwenders des Unheils“ wurde einst ein mächtiger Stamm. Und jeder ordentliche Pilger geht heute dreimal um den herum

Auf dem Rückweg in die Stadt schützt uns der uns begleitende Bus, der in den nächsten Tagen unsere Koffer transportieren wird, indem er einfach die Spur hinter uns blockiert. So fährt es sich schon angenehmer.

Morgen werden wir den Horror übrigens nicht wiederholen: Wir haben beschlossen, uns mit dem Bus vor die Tore der Stadt, zum Sommerpalast des Emirs bringen zu lassen und erst von dort in die Wüste zu radeln. Mit dem schönen Leben mit W-LAN, Dusche und französischem Frühstück ist es dann vorbei.

Dann wartet auf uns nur noch die Kyssyl Kum.

Kunstgenuß mit Russen-Disko

Auf usbekischen Bahnhöfen herrscht striktes Fotografierverbot. Wie übrigens auch auf Flughäfen, in der Metro, bei militärischen Einrichtungen und öffentlichen Verwaltungsgebäuden. Angesichts der zahlreichen Uniformierten in den Städten und den vielen Überwachungskameras halte ich mich da auch lieber dran.

Aus Versehen geknipst: unser Zug im Bahnhof von Taschkent

Unser Zug im Bahnhof von Taschkent. Foto: Anonymus

Und so konnte ich heute leider kein Bild von den übermüdeten Menschenmassen machen, die sich morgens kurz nach sieben Uhr aus dem Nachtzug schälten. Und sich dann vom 10 km entfernten Bahnhof auf nach Buchara machten. Einem Zentrum der islamischen Welt mit über 800 Moscheen, Koranschulen, Minaretten – bei knapp 400.000 Einwohnern.

Dass ein Bahnhof soweit vor einer Stadt liegt ist untypisch und liegt daran, dass selbst die Russen das Bild des historischen Buchara nicht zerstören wollten.

An der Strecke in die Stadt stehen an diesem Morgen zahlreiche Schüler, die darauf warten, von Bussen oder von Marschrutka genannten kleinen Linien-Taxis mitgenommen zu werden. Hier ist Uniform Pflicht, aber jede Schule hat ihre eigene Einheitskleidung. Und so stehen Mädchen in weißen, blauen oder roten Blusen und knielangen Röcken am Straßenrand, die Jungs tragen gleichfarbige Anzüge.

Vor einer Schule im Jüdischen Viertel von Buchara

Vor einer Schule im Jüdischen Viertel von Buchara

Buchara ist völlig anders als Taschkent. Hier gibt es eine Altstadt, enge Gassen und historische Gebäude an jeder Ecke, die Neustadt mit sozialistischen und postsozialistischen Straßenzügen bleibt vor den Toren der historischen Stadtmauer.

UNESCO-Weltkulturerbe: Straße in der Altstadt von Buchara

UNESCO-Weltkulturerbe: Straße in der Altstadt von Buchara

Wir checken in dem von einer Französin geführten Hotel „Oase Helene“ ein, bekommen ein tolles Frühstück, W-LAN und eine Dusche geboten. Dann geht es ab in das historische Buchara.

Erste Station: Das älteste erhaltene Mausoleum der islamischen Welt – errichtet irgendwann um 900 zu Ehren des Herrschers Ismail Samani. Ein beeindruckendes Bauwerk, vor allem, wenn man bedenkt in welcher Zeit schon solche Pracht entfaltet wurde.

Das älteste Zeugnis islamischer Baukunst weltweit - das Samoniden-Mausoleum

Das älteste Zeugnis islamischer Baukunst weltweit – das Samoniden-Mausoleum

Es wird nicht das letzte Mausoleum des Tages gewesen sein. Aber zunächst einmal führt uns der Weg vorbei an einem mehrere hundert Meter langen Rest der alten Stadtmauer mit dem einzig erhaltenen Stadttor an der alten Straße nach Chiwa. Ein tolles Gemäuer, man sieht vor seinem geistigen Auge direkt die alten Krieger des Emirs hoch oben auf den Zinnen.

Dann kommen wir an die Quelle des Hiob und das darüber gebaute Mausoleum. Der Legende nach hat hier der Prophet Hiob in Zeiten großer Trockenheit seinen Hirtenstab in den Boden gerammt woraufhin an der Stelle eine Quelle entsprang. Passenderweise hat man in dem Gebäude heute ein Museum zur Geschichte der Wasserversorgung Bucharas eingerichtet. Die Fotogebühr kann man sich sparen, der Bau ist innen sehr spartanisch und unspektakulär.

Mausoleum ber der Quelle des Propheten Hiobs

Mausoleum ber der Quelle des Propheten Hiobs

Fünf Gehminuten weiter bekommt die Kamera schon wieder schwer zu tun. Eine Freitags-Moschee (wird nur zu den Freitags-Gebieten genutzt) mit zwölf riesigen Holz-Säulen davor. Die hat angeblich der Emir von Buchara bauen lassen um mit seinem Volk beten zu können – sie befindet sich direkt vor dem Eingang zu seiner Burg. Das Bauwerk ist von innen frisch renoviert. Unser Reiseleiter erläutert uns wie so ein Freitagsgebet abläuft, warum der Imam nicht ganz oben auf dem Podest sitzen darf (der Platz gehört Allah) und welche Bedeutung der Holzstab hat, der immer neben der Kanzel (heißt das bei den Moslems auch so?) steht.

Holzsäulen der Freitagsmoschee gegenüber dem Palast des Emirs

Holzsäulen der Freitagsmoschee gegenüber dem Palast des Emirs

Von der Burg des Emirs, die wir danach besichtigen, bin ich enttäuscht. Sicher, sie ist interessant. Mit der königlichen Freitagsmoschee, dem (seit Beschuss durch die Sowjets 1920 nicht mehr überdachten) Thronsaal für die offiziellen Empfänge, dem Burgverlies.

Der Thronsaal des Emirs von Buchara

Der Thronsaal des Emirs von Buchara

Aber hej: Der Emir von Buchara! Dieser Titel verspricht Märchen aus Tausendundeiner Nacht, reich verzierte Harems-Räume, orientalisch-verspielte Architektur, Gemächer bespannt mit Seidenvorhängen und schweren Teppichen! Aber nichts von alledem. Jede deutsche Burg ist interessanter.

Wofür die Zitadelle (usbekisch: Ark) nichts kann: Sie wurde vor fast einhundert Jahren schwer zerstört. Von Bolschewiken-General Frunse weiß man, daß er sie mit Artillerie zusammenschoß, vom letzten Emir vermutet man, daß er seinen Teil dazu beitrug – aus Angst davor, daß die Bolschewiken seinen Harem entweihen hat er ihn angeblich lieber selbst in die Luft gejagt.

Wirklich eindrucksvoll sind hingegen die Festungsmauern. Nach oben hin verjüngend gebaut waren sie an den Laufgängen der Wachposten immerhin noch sechs Meter breit – damit sie auch abgeritten werden konnten.

Beeindruckend: Die mächtigen Mauern der Ark des Emirs von Buchara

Beeindruckend: Die mächtigen Mauern der Ark des Emirs von Buchara

Ein Hammer war für uns die Kalon-Moschee, eine der größten im zetralasiatischen Raum überhaupt. Beeindruckende Architektur, riesige Gewölbe – und das alles für uns allein. Die wenigen Touristen, die sich derzeit in Buchara bewegen kennen wir (dem Gesicht nach) bald persönlich. In der Kalon-Moschee war kein einziger von ihnen.

Die Kalon-Moschee - menschenleer

Die Kalon-Moschee – menschenleer

In der selben Gegend noch ein ungeheuerlicher Vorgang: Wir besuchen eine Teppich-Manufaktur mit angeschlossenem hochmodernen, allen europäischen Standards entsprechendem Klo (Eintritt 1.000 Sum, rund 30 cent). Wir werden mit Tee begrüßt, dürfen den jungen Arbeiterinnen beim knüpfen und weben zusehen, betreten den riesigen Verkaufsraum – und werden in Ruhe gelassen! Keiner der uns aufdringlich einen Teppich verkaufen will, niemand der eine Gegenleistung für Tee und Manufaktur wenigstens in Form eines Vortrages über die Probleme der usbekischen Teppich-Industrie erbringen will, Nichts!

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Teppichknüpfen lernen die jungen Frauen von Kindesbeinen an.

Geld pumpen wir dann trotzdem noch in die einheimische Wirtschaft. Die Angebote in den historischen Basaren der Geldwechsler und Juweliere sind einfach zu verlockend. Gewürze, Keramik, Tee, Tuch, Schmiedearbeiten – man atmet den Geruch der Seidenstraße.

Zum Glück für den Geizkragen in mir wollen die meisten Händler hier Dollar oder Euro sehen – die ich im Hotel gelassen habe. So kommt ein umfangreicher Teppich-Deal der Kunstsinnigen an meiner Seite nicht zustande.

Historisches Basar-Gebäude in Buchara

Historisches Basar-Gebäude in Buchara

Den Abend des an Erlebnis reichen Tages verbringen wir in der Russen-Disko, So hörte sich für mich jedenfalls das Musik-Angebot des Restaurants in der Altstadt an. Ein junger aufstrrebender Künstler, von dem wir international bestimmt nie was hören werden, jagt seine Stimme elektronisch verstärkt über sämtliche 800 Minarette, Mausoleen und Medresen (Koranschulen) der Stadt. Haupthits wie „ras, dwa, tri, tschetyrje“ (eins, zwei, drei, vier) beben, untermalt von stampfenden Beats, bis in unsere entfernte „Oasis Helene“, 90 Prozent der Gäste des Lokal (die Ausländer) gucken sich entsetzt an, zehn Prozent (die Einheimischen) klatschen und tanzen begeistert vor dem jungen Popstar.

Auch ich persönlich kann dessen Auftritt positives abgewinnen: Jetzt weiß ich genau, wie sich die Bewohner der Stadt gefühlt haben müssen, als draussen vor den Mauern die Rotarmisten des Generals Frunse brüllten, die schließlich 1920 den Emir von Buchara nach Afghanistan vertrieben …