Anreise

Wir sollen spätestens um 18 Uhr an Bord sein. Das Navi sagt, dass wir bis zu seinem Liegeplatz in der Ortschaft Ruciane Nida knapp über 13 Stunden brauchen werden. Also haben wir uns um zwei Uhr zur gemeinsamen Abfahrt verabredet. Man will ja schließlich auch noch Pause machen.

Wir hätten auch einen anderen Weg wählen können: Per Flug oder Zug nach Warschau und von dort dann mit dem Masuren-Shuttle (Abfahrt an Flughafen und Hauptbahnhof) in einer über fünfstündigen Fahrt ins Aktiv-Resort Masurische Seen in Piaski. War uns aber zu umständlich.

Aus Bequemlichkeit haben wir diesmal darauf verzichtet, unsere eigenen Räder mitzunehmen und bei der Buchung die Möglichkeit gewählt, sich welche vor Ort auszuleihen. Kostet 55 Euro die Woche pro Fahrrad. Eine unserer Mitreisenden hätte gern ein E-Bike gemietet. War über DERTOUR nicht möglich, trotz langer Nachfragen und „Beziehungen spielen lassen“ unseres Reisebüros. Andere Veranstalter haben das hinbekommen – unter den Passagieren der „Classic Lady“ finden sich letztlich auch einige Mieter von E-Bikes.

Ohne Fahrradgepäckträger sind wir schnell durch Deutschland durch, tauschen gegen halb sechs Uhr in der Früh am Grenzübergang Kolbaskowo die ersten hundert Euro. Umtauschkurs 1:4,30, der EC-Automat berechnet uns später einen Kurs von 1:4,18, also 4418 Zloty für 100 Euro. Abheben ist überall problemlos möglich, die EC-Automaten „können deutsch“, es gibt sie in jeder Kleinstadt (und in den großen erst recht).

Auch in Polen geht es zügig weiter, die Straßen sind zunächst sehr gut. Wir haben die Hinweisschilder an der Grenze verpaßt, sind uns unsicher über die Höchstgeschwindigkeit: Ist den Polen die Polizei egal oder dürfen sie hier wirklich so rasen? Sie dürfen: Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen 140 km/h, auf zweispurigen Schnellstraßen 120 km/h, auf einspurigen 100 km/h, ansonsten ausserorts 90 km/h.

Wir sind unterwegs von Szczecin nach Bydgoszcz, mit den Schnellstraßen ist es bald vorbei, wir fahren stundenlang über Landstraßen. Immer bedacht, innerorts (50 km/h) nicht von einem der vielen Blitzer erfaßt zu werden. Die Polen überholen außerorts recht aggressiv, selbst wenn wir Höchstgeschwindigkeit fahren, aber man gewöhnt sich dran.

Gegen Mittag haben wir schließlich so viel Zeit rausgefahren, dass wir uns eine Stadtbesichtigung gönnen: Die Altstadt von Grudziac (Graudenz) sieht von der Autobrücke über die Weichsel so interessant aus, dass wir uns zu einer Besichtigung enstchließen.

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Blick von der Zitadelle auf die Weichsel bei Graudenz

Die Mauern der ehemaligen Festung über der Weichsel erinnert uns an die Burgen des Deutschen Ordens, das davor liegende alte Stadtviertel an die Hansestädte – viel Backsteinarchitektur, ein mächtiger Speicher, ein großes Kaufhaus, das gerade renoviert wird, am Markt. An dem finden wir auch gemütliche Holzbänke und -tische unter riesigen Sonnen-Schirmen, eine freundliche Bedienung und eine Kleinigkeit zum Mittag. Für Pizzen, Schnitzel und Rote-Beete-Suppe (Barszcz) sowie ein großes Bier zahlen wir zu sechst knapp 30 Euro. Fein.

Pünktlich gegen 17 Uhr treffen wir dann im Aktiv Resort in Piaski ein – nach letztlich über 15 Stunden Fahrt. Um den Audi müssen wir uns hier keine Sorgen machen: Er wird die ganze Woche über zwischen den Fahrzeugen anderer Reisender am See-Ufer stehen – neben Hütten, die von Feriengästen bewohnt werden und hinter der Schranke einer Rezeption an der Einfahrt.  Das Parken ist hier kostenlos.

Wir bringen unser Gepäck an Bord, wo uns der Kapitän persönlich begrüßt, uns unsere Zimmer , pardon Kajüten, zuweist und schon mal (auf unsere Bestellung) das erste Bier zapft, das wir dann in der Abendsonne auf dem Aussichtsdeck genießen.

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Auf eine schöne Reise!

Die Schiffs-Rad-Reise kostete bei unserem Veranstalter knapp 900 Euro pro Person, wobei wir uns für die etwas billigeren Kajüten im Hauptdeck (also in Höhe der Wasserlinie) entschieden haben. Die Nutzer des Oberdecks haben 50 Euro mehr investiert. Die Kajüte selbst ist naturgemäß eng, einen Koffer mitzunehmen können wir wirklich nicht empfehlen. Lieber alles in Taschen packen, die kriegt man leichter in dem schmalen Schrank oder unters Bett (wo sich aber bereits zwei Liegestühle für das Sonnendeck befinden) . Sehr eng (und hellhörig) auch Toilette und Dusche, ich bevorzuge in den folgenden Tagen die Nutzung des Salon-WC auf dem Oberdeck. Aber die Größe der Kajüte reicht völlig, man schläft dort ohnehin nur – den Rest der Zeit ist man im Bord-Restaurant, das ausserhalb der Essenszeiten auch als Aufenthaltsraum genutzt wird, oder natürlich auf dem Aussichtsdeck.

Noch am selben Abend bekommen wir unsere Räder zugewiesen. Solide Tourenräder mit sieben Gängen (Nabenschaltung) und Rücktritt. Dazu erhält jeder eine große wasserdichte Fahrradtasche, wobei in der für den „Gruppenführer“ auch noch Werkzeug und Ersatzschläuche enthalten sind. Gegen eine Pfandgebühr von zehn Euro gibt es für jeden, der es möchte, auch noch ein Fahrrad-Tacho.

Die anderen unserer Gruppe verzichten drauf, ich hole mir natürlich eins.

Schließlich will ich in den nächsten Tagen unsere Touren genau dokumentieren. Und morgen geht es ja schon los: laut Reise-Katalog auf eine 45-km-Tour über Weissuhnen und Johannisburg zurück zum Schiff und dann mit einer abendlichen Seefahrt rüber nach Nikolaiken.

 

 

 

Rund um Poel

Es ist nicht zu fassen. Die Sonne scheint. Kräftig, so als ob sie noch nie etwas von Wetter Apps und Metereologen gehört hat. Kräftig allerdings bläst auch der Wind. Dennoch: Wir lassen das hauseigene Spa im Schäfer Eck Spa sein und entscheiden uns für aktive Erholung. Wir wollen rüber nach Poel – und dort dann einfach sehen, wie weit uns das Wetter kommen läßt. Folgen werden wir dem Ostsee-Radwanderweg, der auf Poel einen Rundkurs bildet, quasi als fakultative Zusatzstrecke auf dem Weg von Lübeck nach Rostock.

Zur Insel Poel führt ein Damm mit einer Straße und einem Radweg daneben. Der Wind bläst von der Seite, kein Problem. Nach ungefähr anderthalb Kilometer kommen wir an eine kleine Brücke, die über einen schmalen Seitenarm der Ostsee rüber zur Insel führt. Hätten sie beim Dammbau ohne große Probleme auch zuschütten können. Aber dann wär Poel halt keine Insel mehr.

Nach drei Kilometern wenden wir uns gleich an der ersten Einmündung in Fährdorf nach rechts in Richtung Gressow. Mit dem starken Wind im Rücken und bei Sonnenschein fährt es sich prima an eingezäunten Versuchsfeldern vorbei. Die Norddeutsche Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG ist bei der Rapszucht Marktführer in Deutschland.

Modernste Kommunikationsmittel direkt am Wegesrand

Modernste Kommunikationsmittel direkt am Wegesrand

Nach rund sechs Kilometern erreichen wir Gollwitz, ein kleines Dorf an der Nordspitze der Insel. Hier sollte am heutigen Pfingstsonntag eigentlich ein Blues-Konzert am Turm der Nebelstation stattfinden, aber das fällt aus.

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Die Nebelstation bei Gollwitz: Einsam und verlassen

Dafür steht aber ein Schankwagen auf einer Wiese und ein paar Biertisch-Garnituren laden zur Pause ein. Lassen wir uns nicht zweimal sagen. Und bekommen zum Bier noch ein herrliches Schauspiel geliefert: Einen Esel, der irgendwo ausgerissen ist und noch mit dem Seil um den Hals durchs Dorf rennt, verfolgt von einem vielleicht zwölfjährigen Mädchen, das keine Chance hat, den Vierbeiner einzubekommen … Landleben!

Hinter der Nebelstation wird der Rad- zum Uferweg. Nicht mehr asphaltiert, aber breit und festgefahren, es rollt. Vor allem weil der Wind nicht zu uns durchdringt – der Weg ist von Bäumen und Büschen umsäumt. Hier hat Poel ein Stück Steilküste, von der sich das Meer immer wieder mal ein paar Stücke holt. Daher auch die zahlreichen großen Steine auf dem Ufer und im Wasser. An einem von ihnen steht ein Brandungs-Angler mitten im Wasser. Sieht romantisch aus, wäre mir aber entschieden zu kalt.

Wildromantisch: Die Steilküste zwischen Gollwiotz und Am Schwarzen Busch

Wildromantisch: Die Steilküste zwischen Gollwitz und Am Schwarzen Busch

Nach fünf Kilometern erreichen wir dann den „Schwarzen Busch“, eine Ortschaft, die fast nur aus Ferienhäusern und Pensionen zu bestehen scheint. Wir diskutieren, wie wir weiterfahren – den offiziellen Ostsee-Radwanderweg entlang, der kurz ins Inselinnere schwenkt oder weiter auf dem ebenfalls als Radweg ausgewiesenen Pfad am  Ufer?

„Fahr’n Se den offiziellen Weech“, rät uns von einer Bank ein urlaubender Sachse. „Den anderen Weech ham mer oooch probiert – nur jeschobn bei däm Sand!“ Okay – und Danke für den Rat!

Wir fahren über DDR-Postenwege (oder waren es die der LPG? Jedenfalls die typischen Betonstraßen jener Zeit) und kommen dann nach weiteren fünf Kilometern in Timmendorf heraus. Offenbar dem touristischen Zentrum der Insel, den Menschenmassen nach zu urteilen, die die breite Dorfstraße runter zum Hafen bzw. von dort zurück zum zentralen Parkplatz pilgern.

Wir haben Glück, die Sonne verschwindet langsam hinter den immer zahlreicher werdenden Wolken und der Wind frischt auf. Dadurch haben wir die Terrasse der Poeler Kogge fast ganz für uns alleine (weil man es da auch nur hinter der Randmauer und ihren Glasscheiben windgeschützt aushalten kann). Reicht für ein frisch gezapftes Bier, Essen wollen wir später in Kirchdorf.

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Von der „Poeler Kogge“ aus hat man eine schöne Sicht auf den Hafen von Timmendorf

Angesichts des sich bedrohlich verdunkelnden Himmels beschließen wir Kirchdorf direkt anzusteuern und den Radweg neben der Straße zu nutzen anstelle des Umweges am FKK-Strand entlang.Eine goldrichtige Entscheidung: Am Gutshaus Wangen, genau da, wo Abkürzung und Umweg wieder zusammentreffen, hagelt es plötzlich, es blitzt und donnert und schüttet wie aus Eimern. Ein Buswarte-Häuschen bietet genug Platz für uns alle, die Satteltaschen auf den Rädern bekommen dagegen ganz schön was ab.

Eigentlich hat man es ja kommen sehen: Gewitterfront über Timmendorf

Eigentlich hat man es ja kommen sehen: Die Gewitterfront über Timmendorf

So schauerlich der Regen/Hagel-Guß auch war, nach knapp 20 Minuten läßt er nach und wir radeln die restlichen zwei Kilometer rüber nach Kirchdorf, wieder auf gut ausgebautem Radweg. In Kirchdorf allerdings haben wir ein Problem: In den Kneipen sitzen lauter Regenflüchter, die gerade erst bestellt hatten. Letztlich finden wir im „Hafen-Pavillion“ einen Tisch, der gerade von einer Familie geräumt wird. Das Essen dort ist ordentlich, die Bedienung fix – es läßt sich aushalten.

Vom Kirchdorfer Hafen aus fahren viermal täglich Schiffe der Adler-Linie zum Altren Hafen in Wismar

Von Kirchdorf aus fahren viermal täglich Schiffe der Adler-Linie nach  Wismar

Ein Klacks dann der Weg zurück – noch einmal sechs Kilometer bei Steifer Brise von der Seite sind schnell abgerissen, wir beschliessen den Tag nach 31 Rad-Kilometern bei nicht gerade idealem doch unterm Strich größtenteils sonnigem Wetter mit dem gemütlichen Teil …