Wichtige Meldung

Das ist zu wichtig, um es nicht sofort beim Tour-a-France-Blog zum Thema zu machen: Soeben flattert mir folgende Pressemitteilung der Lilly Pharmaholding GmbH auf den Tisch:

Bad Homburg – Hochmotiviert durch den Rennzirkus der Tour de France schwingen sich derzeit unzählige Freizeitradler wieder auf das stählerne Ross. Was eigentlich der Gesundheit gut tut, kann aber bei intensivem Training auf die Potenz schlagen. Das fanden Experten der Universität von Tel Aviv in einer Studie heraus. Meist reicht ein Sattelwechsel, um das Problem zu lösen.

Ich bin erschüttert. Deshalb also weigerte sich mein Körper, sich den Strapazen der Tour-a-France auszusetzen!

Völlig anderes Thema: Was macht eigentlich Friedhelm? Seit seinem Sattelwechsel und der anschließenden Reise in das sündige Paris hat man nichts mehr von ihm gehört …

Und überhaupt: Sitzt Marianne wieder über ihren Estimates und wie hat es Calle auf dem Klassik-Festival in Xanten gefallen? Wir wissen es nicht.

Wir Carlower sind seit Freitag (15. Juli) wieder zu Hause und haben unsere Freunde auch schon mit den genau 318 Fotos gequält, die ich von zwei Digitalkameras zusammengesammelt und für eine Vorführung am Fernseher aufbereitet habe. Dazu gabs lecker französischen Pastis (Aperitif), Käse, Wein und andere Mitbringsel. Das machte den Dia-Abend dann erträglicher.

Ansonsten freuen wir uns schon auf die Auswertung in Krummesse – ob ich da den Film zeige, den ich während der Tour gedreht habe, weiss ich noch nicht. Vielleicht zahlen mir ja interessierte Kreise viel Geld dafür, daß ich bestimmte Sequenzen nicht veröffentliche … 😉

Triumphaler Empfang

Geschafft! Die Tour-à-France ist in Bonningues eingerollt. Und wurde begeistert empfangen. Von nahezu 2000 Einwohnern, die sich … nein, es fällt schwer sachlich zu bleiben, aber der Berichterstatter muß es, von ungefähr 50 Einwohnern, die trotz der kurzen Vorbereitungszeit eine eindrucksvolle Begrüßungsparty auf die Beine gestellt hatten.

Zuvor hatte die Tour-à-France einen allerletzten Stopp eingelegt. An der Autobahnabfahrt Bonningues gibt es einen kleinen Parkplatz, auf dem sich das gesamte Team einfand: Die Radler selbstverständlich, die beiden Begleitfahrzeuge mit Hänger, der VW-Bus von Friedhelms Frau Evelyn und das Fahrzeug der Familie Bastian, letztere kamen beide am frühen Nachmittag aus Krummesse nachgereist. Friedhelm und Calle holten aus den Tiefen des Hängers Flaggen, Bänder in den Nationalfarben und Luftballons und dann wurden alle Fahrzeuge geschmückt.

Letzte Vorbereitungen
Letzte Vorbereitungen

Die letzten 800 Meter wurden im Konvoi mit Hupe und Lichtsignalen zurückgelegt. Zum Leidwesen unserer Radler liegt der Ortseingang von Bonningues auf einem Hügel – da hieß es noch einmal kräftig in die Pedalen zu treten. Auf dem Hügel Aufstellung zum Siegerfoto vor dem schon bekannten Ortsschild von Bonningues (siehe ganz oben auf dieser Internet-Seite). Noch einmal aufs Rad, die Autos schmissen wieder alle Hupen, Scheinwerfer und Warnblinkanlagen an und die Tour rollte endlich in den Ort ein.

Geschafft: Am Ortsschild von Bonningues
Geschafft: Am Ortsschild von Bonningues

Vor der Mairie (Bürgermeister-Amt) hatten die Bonninguer eine menschliche Mauer quer über die Straße gebildet. Sie hatten schon einen Fehlalarm erlebt: Marcel, ein älterer Amateur-Radler aus Bonningues, der abends immer noch eine Runde im Lance-Armstrong-Trikot rund um die Dörfer dreht, war doch sehr überrascht als er um die Ecke geradelt kam und ein Riesen-Jubel ausbrach.

Um so größer dann die Begeisterung, als die Erwarteten um 19:12 auf die rue de l’Anglais einbogen. Kameras surrten, Fotoapparate klickten, die Masse jubelte.

Menschliche Mauer vor der Mairie
Menschliche Mauer vor der Mairie

Nachdem die Räder abgestellt waren gab es zunächst ungefähr 6000 Begrüßungsküßchen (je nach Bekanntschaftsgrad ein oder zwei auf jede Wange) und dann ging das große Deutsch-Französische Palaver los. Friedhelm überreichte als Geschenk eines unserer extra für die Fahrt angefertigten T-Shirts mit den Bildern aller Teilnehmer und der gefahrenen Strecke auf dem Rücken, Claudette, die Bürgermeisterin von Bonningues, würdigte in einer kurzen Ansprache die enorme Leistung der deutschen Freunde und erklärte, daß die Franzosen nun stolz an die Herausfoderung gehen würden, als nächstes die Partner zu Fuß zu besuchen.

Sie sinds die es geschafft haben!
Sie sinds die es geschafft haben!

Dann wurde zum Sektempfang in den Garten der Bürgermeisterei gebeten. Jacques, Präsident der Städtepartnerschaft Bonningues-Krummesse, lockte die Radler unter einem Vorwand von den anderen weg, um dann Formel-1-gleich Sekt über sie zu gießen. Vom kalten Buffet gab es reichlich Stärkung – viele Familien hatten schnell noch etwas fertig gemacht und in die Bürgermeisterei gebracht. Friedhelm erläuterte begeistert an seinen Lippen hängenden Damen des Ortes (ich will nicht von Groupies sprechen) stolz die vorbereiteten Karteikarten mit den einzelnen Tour-Etappen.

Nach der Sekt-Dusche
Nach der Sekt-Dusche

Wer dachte, nun habe die Feierei ein Ende sah sich schwer getäuscht: Als nächstes hatten die Franzosen ein Barbecue zu Ehren der deutschen Gäste vorbereitet, auch alles aus Eigenmitteln. Es wurde zum Sportplatz gebeten, wo im Sportlerheim der Fußballer ein weiteres Buffet vorbereitet war, mit Salaten, Baguettes, herrlichem französischen Käse, wunderbaren Nachspeisen. Dazu floß belgisches Bier in Strömen, die Frauen wurden zu harten Mischungen aus Sekt und Rosé-Wein genötigt.

In Frankreich kein Problem: Oskar, Friedhelms Enkel, wird auf dem kalten Buffet gewickelt.
In Frankreich kein Problem: Oskar, Friedhelms Enkel, wird auf dem kalten Buffet gewickelt.

Ab dem Zeitpunkt, an dem die Franzosen in wunderbarer Eintracht „Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit“ schmetterten (in Deutsch!) schien dem Berichterstatter die Feier etwas aus der Kontrolle zu geraten. Allerdings kann er auch nicht viel dazu sagen, da er selbst es wohl auch ein wenig war. Gerüchte sprechen von einer Wasserschlacht nach 2 Uhr morgens.

Den Tag selbst hatten wir im Großen und Ganzen mit Warten verbracht. Warten auf den großen Augenblick in Bonningues, aber auch auf Evelyn, Friedhelms Frau, die mit ihrer Tochter aus Deutschland nachgereist kam. Während Friedhelm den Vormittag nutzte, um ein wenig mit seinem Enkel zu spielen, machte der Rest der Truppe einen Stadtbummel durch Calais.

Zur Tortur wurde dann aber noch einmal die letzte Etappe – von Calais bis nach Bonningues. Auf dem Tacho lächerliche 26 km, aber die hatten es in sich. Denn die Straße führte auf den höchsten Punkt der Steilküste, das Cap Blanc Nez. Da bedurfte es schon noch einmal einer mörderischen Kraftanstrengung, die auch die nötige Erschöpftheit auf die Gesichter der Tour-Teilnehmer zauberte. Schließlich konnte man ja schlecht gut erholt nach 1100 Radkilometern in Bonningues einfahren. Aber die Berge hatten es noch einmal in sich: Wäre nicht das Ziel nur 3 km entfernt, so mancher hätte wohl im Stillen an das Aufgeben gedacht.

In Frankreich kein Problem: Oskar, Friedhelms Enkel, wird auf dem kalten Buffet gewickelt.
Letzter touristischer Höhepunkt: Am Strand des Ärmelkanals

Und dann ganz kurz vor dem Ziel noch einmal ein Riesenschreck: Bei Marianne bricht eine Pedale weg. Zum Glück ist mit Eberhard ein versierter Reparatur-Spezialist in der Truppe. Die Einfahrt in Bonningues konnte nach 17 Etappen und 1125 gefahrenen Rad-Kilometern wie geplant triumphal stattfinden.

Wir sind in Frankreich!

Geschafft. Wir beradeln französischen Boden. Wobei sich der Grenzübertritt als schwierig erwies. Grund: Man kann die Grenze ohne Karte gar nicht mehr richtig finden. Kein stolzes Hinweisschild der Franzosen – die Belgier ihrerseits haben auf der anderen Straßenseite eins.

Auch die 13. Etappe stand dabei völlig im Zeichen der gewonnen Zeit. Erneut wurde viel auf Kultur Wert gelegt. Und das hieß heute: Stadtbesichtigung. Ziel war die letzte größere Stadt in Belgien, Veurne. Sehr hübsch, alte Häuser, schnuckliges Rathaus, viele Cafés, das eine oder andere Schuhgeschäft – für alle Bedürfnisse war gesorgt.

Veurne ist bekannt für eine Bußprozession, die immer am letzten Sonntag im Juli abgehalten wird und fleißige Putzkolonnen wienerten wohl schon in Vorbereitung auf dieses große Ereignis die größte Kirche der Stadt. Mit Lampe auf dem Kopf, damit noch das letzte Staubkorn in den geschnitzten Heiligenschreinen entdeckt werden konnte. Eindrucksvoll.

Marianne kam außerdem endlich zu der echt belgischen Waffel, die sie schon immer mal essen wollte und Silvia zu einem herrlichen Apfelstrudel mit Eis. Feine Sache.

Nächster kultureller Höhepunkt war dann der Besuch des Bäckereimuseums der Stadt – man sieht, wir haben Zeit. Ganz nett gemacht, mit den verschiedenen Brotarten aus aller Welt. Der einzige, der nicht mit rein kam war Calle. Denn der hatte in der Nacht zuvor Besuch. Von einem Marder. Und der hat ihm im Auto den Regler für den Lüfter kaputt gebissen. Also die Kabel dafür. Aber Calle läßt sich von einem belgischen Marder nicht die Tour versauen. Ein bischen abgeklemmt, ein bischen umgeklemmt, ein wenig neu verdrahtet – und schon läuft der Ford wieder.

So einen Eiswagen kennt Friedhelm noch aus Krummesse
So einen Eiswagen kennt Friedhelm noch aus Krummesse

Eine halbe Stunde später dann der nächste Höhepunkt der Tour: Wir betreten französischen Boden. Anlaß für einen kleinen Sektempfang, den Calle mit Lübecker Althäuser direkt auf der Grenze gab. Begeisterung bei den Tour-Teilnehmern, nach dem Sekt gab es lecker Picknick aus der Kühltruhe. Außer für mich, ich mußte Quartier machen – und fand ein recht Nettes, urfranzösisches in Bergues, 4 km unterhalb von Dunkerque gelegen.

Die nächste Grenze ist erreicht
Die nächste Grenze ist erreicht

Ich dachte, ich spare etwas (50 Euro das Doppelzimer), aber da hatte ich mich geschnitten. Meine Frau begab sich unter dem Vorwand, sich die pittoresken kleinen Häuser, die befestigten Stadtmauern und ähnliches anschauen zu wollen in die Kleinstadt und kam mit einer Tüte aus einer Mode-Boutique wieder. Wären wir bloß in Dunkerque geblieben!

Na ja, für mich gab es dann noch einen Ricard (ein Pastis) in einer typischen französischen Kneipe, so im Stil der 60er Jahre. Bloß originaler als bei uns. Wenigstens etwas.

Echt französisch: Unsere Hauskneipe
Echt französisch: Unsere Hauskneipe