Das Leben ist wie Radeln gegen den Wind

Wer in aller Welt ist so bescheuert, bei über 30 Grad im nicht vorhandenen Schatten durch die offene Wüste auf schlaglochdurchlöchertem Asphalt 40 Kilometer bergauf gegen konstant wehenden, starken Wind zu radeln?

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Der Weg durch die Wüste kann asich ganz schön hinziehen – vor allem bei Gegenwind

Ich war heute kurz vorm Abbruch der Tagestour. Sokir hatte uns „nur“ 40 Kilometer versprochen. Zu radeln nach der Mittagspause. Normalerweise kein Problem. Aber heute war Allah oder wer auch immer gegen uns.

Der Tag fing eigentlich noch ganz gut an. Erneut geniessen wir die Ruhe im Jurtencamp, bevor wir uns gegen 9 Uhr per Bus nach Nurata aufmachten.

Wir holen  Versäumtes nach und besichtigten die beiden großen Sehenswürdigkeiten der Stadt, die heilige Nur Ata Quelle (die für uns vor allem durch die zahlreichen dort schwimmenden Forellen in Erinnerung bleiben wird) und die Festung von Alexander dem Großen.

Letzterer hatte viel Ärger mit den einheimischen Völkern bis er sich entschloß, eine einheimische Prinzessin namens Roxanna zu ehelichen und deren Vater zu seinem Statthalter zu machen. Dann war Ruhe und er konnte sich endlich in Indien eine blutige Nase holen (weiss ich alles aus dem Hollywood-Film in dem Angelina Jolie die Mutter von Alexander dem Großen spielt).

Aber vorher hatte er hier noch eine Garnision etabliert, von deren Festung leider nur noch einige Mauern und ein oder zwei Türme übrig sind. Zu ihr verirren sich aber nur wenige Leute, die meisten Einheimischen sind nur an der direkt darunter liegenden (und auch von den Leuten des Alexander genutzten), mittlerweile heiligen Quelle interessiert.

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Über der Heiligen Quelle erheben sich die Überreste einer Festung Alexander des Großen

Und wie an heiligen Quellen üblich finden wir auch hier wieder eine Moschee für die Pilger und drum herum mit wahnsinnigem Wasser-Einsatz angelegte, grüne und blühende Gärten. Das alles zu fotografieren kostet übrigens extra: 4.000 Sum knöpfen sie uns hier als Foto-Erlaubnis ab (etwa 1,50 Euro). Ich beschließe, dass eine Erlaubnis pro Familie reichen sollte (zumal seit wir gesehen haben, wie ein Kassierer in Buchara eine Schublade aufzog, aber unser Geld nicht darin, sondern in seiner Hosentasche versenkte). Kontrolliert wird’s sowieso nirgendwo.

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Romantische Aussicht (von der Festung Alexanders auf Nurata)

Für mich faszinierend: Wie bei vielen Sehenswürdigkeiten dieser Welt ist der Weg von zahlreichen Souvenir-Verkäufern gepflastert. Aber hier drängelt uns nicht ein einziger seinen Kitsch auf. Wenn der Kunde einen Händler nicht anspricht, hat er kein Interesse –  also braucht der ihn auch gar nicht erst zu belästigen. Was für eine angenehme Einstellung!

Nach dem kurzen Besuch von Quelle und Festung machen wir uns mit dem Bus auf in Richtung Samarkand, fahren rund 60 Kilometer vor, machen Mittagspause und steigen dann am frühen Nachmittag auf die Räder.

Und verzweifeln an Anstieg und hartem Gegenwind. Nach zehn Kilometern sind wir kurz vorm Aufgeben. Aber keiner will der erste sein, der sagt: „Ich gehe jetzt in den Bus“.

Nach einem Anstieg um 750 Höhenmeter auf 993 Höhenmeter (laut Thomas‘ App) und dem Passieren eines weiteren Passes haben wir uns endlich eingefahren und treten einfach nur noch stoisch in die Pedalen, ignorieren das Gefühl, gar nicht vom Fleck zu kommen. Selbst bei Abfahrten müssen wir treten, so stark bremst der von vorn immer wieder böig wehende Wind.

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Niemand hat gesagt „Dieser Weg wird ein leichter sein!“

Nach etwa 31 Kilometern werden wir endlich erlöst, ein Junge holt uns von der Straße mit dem Fahrrad ab und führt uns zum Hof seiner Familie.

Wie immer äußerst angenehme Leute, die älteste Tochter freut sich, ihre Englisch-Kenntnisse anbringen zu können, die Hausfrau zeigt uns am Ofen, wie sie frisches Brot backt, die jüngere Tochter (so um die zehn, schätze ich) schenkt uns Blumen.

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Hier backt die Chefin noch selbst – undzwar Fladenbrot

Es ist immer wieder erstaunlich, wie freundlich wir bei den usbekischen Familien aufgenommen werden. Der Hausherr bringt eine Flasche Wodka auf den kleinen Tisch, um den wir uns im Schneidersitz scharen, und schon sieht die Welt wieder völlig in Ordnung aus. Wie einfach wir doch gestrickt sind …

Erneut sollen die vier Gäste in einem Zimmer schlafen. Das nervt – sowohl Karin und Thomas als auch uns. Ich meine, die Gastgeber sind furchtbar nett, die meisten von ihnen haben für uns ihre Wohn- oder Kinderzimmer ausgeräumt, aber es ist anstrengend. Zumal meist nur eine Matte auf dem harten Boden liegt, was uns matratzenverwöhnte Mittelstands-Europäer sehr unruhig schlafen läßt. Wir wälzen uns herum, wachen immer wieder auf, hören jedes kleinste Geräusch im Raum. Selbst den Gang aufs Klo versucht man sich zu verkneifen – und das nicht nur, weil man die anderen wecken könnte.

Die Klo’s auf dem Land sind einfache Plumpsklos, nur ohne Sitzmöglichkeit. Und während die Usbeken die zuweilen recht schmalen Schlitz zur Fäkaliengrube darunter dank lebenslanger Übung gut zu treffen scheinen, ist meine Hauptangst, gerade an diesem Punkt zu versagen (passierte glücklicherweise nicht). Wo es sich einrichten läßt, verschwinde ich für meinen Teil lieber in der freien Natur.

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Toilette, Waschraum, Duschen – das haben wir auf dem Land nie in den Häusern gefunden. Meist gab es dafür extra Häuschen, gewaschen wurde sich grundsätzlich auf dem Hof.

Ein Kapitel für sich übrigens auch die Duschmöglichkeiten auf dem Land. Duschen war bisher überall möglich: Allerdings meist ohne Dusche. Die Hausherren haben in einem speziellen Waschraum einen Kessel mit warmem Wasser  aufgesetzt. Daraus schöpft man mit einer Kelle und gießt sich das warme Naß über den Kopf. Muß reichen.

Garten-Dusche

Bei diesem kreativen Hausherren befand sich die Dusche inmitten seines Gartens – und das Wasser tröpfelte aus einer raffinierten Apparatur unterhalb des Wasserkessels.

Reicht mir auch langsam. Ich sehne mich nach Bett, Sitzklo und unentwegt perlendem Wasser. Aber Samarkand ist noch weit …

Fahrtzeit: 2:08 h
Fahrtstrecke: 31,57 km
14,7 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit 

Ruhe, Stille, Einsamkeit

Die Wüste rollt. Woge um Woge, ein Auf und Ab. Sieht toll aus, ist aber schlecht für das Selbstwertgefühl des Radfahrers, der nach jedem „Steile Abfahrt“-Straßenschild auf eines mit „Steiler Anstieg“ trifft.

Es ist Sonntag und laut Reiseplan ein Ruhetag. Er beginnt auch als solcher. Nachdem sich die gesamte internationale Gemeinde am Vorabend gegenüber den Jurtencammp-Betreibern dafür ausgesprochen hat, erst um 8 Uhr zu frühstücken, lassen wir es allesamt ruhig angehen. Und warten gespannt auf die Ankunft der Russen, die bis spät in die Nacht gefeiert haben.

Die kommen Viertel nach Acht und sind samt und sonders putzmunter. Manche Vorurteile stimmen einfach.

Wir werden von Reiseleiter Sokir vor die Wahl gestellt, einen Ruhetag im Jurtencamp einzulegen oder 25 km zum Aydarkul-See zu radeln, wo man baden könne. Die Erholungsuchende an meiner Seite, die offenbar den anderen nach wochenlanger Diät ihren eleganten Einteiler präsentieren möchte, entscheidet sich für die anstrengende Fahrt zum See. Woraufhin ich natürlich auch zu nichts anderem Lust habe.

Zum Glück hat der Emir seine Rache-Pläne inzwischen aufgegeben. Ein Hoch der deutschen Arzneimittel-Industrie!

Der Bus fährt uns wieder bis vor an die Straße, dann steigen wir auf die Räder. Die Wellen der Wüste schlauchen, aber nicht so schlimm wie befürchtet – wir können es ja zum Glück ruhig angehen lassen.

Jeder fährt sein Tempo, die Naturliebhaberin und ich lassen uns zurückfallen, sind irgendwann allein in der Wüste. Alle 10 Minuten mal ein Auto, sonst nichts als das gelegentliche Läuten der Glocken von Ziegen- oder Schafherden. Herrlich.

Wir fotografieren die Wüste von weitem und nahem, uns auf dem Rad, die Räder ohne uns. Was für  eine schöne Fahrt!

Nach 20 km ist es damit vorbei, der Asphalt endet, unser Weg besteht jetzt aus einer Schotter- und Geröllstrecke, die stetig bergan führt. Wir keuchen den schlechten Sandweg hoch, bis sich uns nach etwa 5 km ein atemberaubender Anblick bietet: Ein riesiger, blauer See mitten in der Wüste!

Der Aydarkul ist ein künstlicher See, angestaut irgendwo bei Taschkent – mit gigantischen Ausmaßen: 250 km in der Länge, 15 km breit. Gespeist wird er hauptsächlich wohl durch den Amur Darja, der früher in den Aral-See floß.

Womit sich dessen ökologische Katastrophe relativiert: Sokir jedenfalls erzählt uns, dass der Aral-See bis ins 10. Jahrhundert hinein ein unbedeutener Tümpel war, bis plötzlich der Amur Darja seinen Lauf änderte und sich in ihm ergoß, wodurch er dann im Laufe der Zeit zu seiner riesigen Größe anwuchs. Jetzt fließt der Amur Darja halt in den Aydarkul …

Ob dem so ist werden wir später nachrecherchieren, heute haben wir erstmal die Möglichkeit zum Bad in dem glasklaren See genutzt. An seinem Ufer außer uns kein Mensch („Der Usbeke geht nicht an einen See baden, wir haben hier kein Wasser!“) nur zwei Herden Schafe in gebührendem Abstand. Herrlich.

Die Truppe vom Jurtencamp hat am Ufer ein Zelt für uns und die beiden deutschen Wanderer und ihre Begleiter aufgebaut, es gibt ein feines Picknick ohne Wodka. Der wäre bei der Hitze auch tödlich gewesen.

Sokir schlägt uns vor, auch die 28 km zurück zu radeln, wir lehnen dankend ab. Der Tag soll ja in guter Erinnerung bleiben.

Am Nachmittag dann Entspannung pur – wir sind die letzten verbliebenen Bewohner des Jurten-Camps, der Betreiber ist mit seinen russischen Freunden abgereist, die Wanderer machen sich auf den Weg zum 1993-Meter-Gipfel des Nuratauer Gebirges.Wir genießen absolute Ruhe in der Wüste, später dann ein wirklich gutes, einfaches Buffet und dann einen Sternenhimmel wie ich ihn so klar schon ewig nicht mehr gesehen habe.

Wie weit weg doch Deutschland und seine Probleme sein können.

Entspannung pur im Jurten-Camp

Entspannung pur im Jurten-Camp

Fahrtzeit 1:40
Fahrtstrecke 27,55 km
16,1 Schnit

Wüste, Wodka, Wohlgefühl

Der Emir läßt nicht locker. Erneut wird westliche Wundermedizin eingesetzt. Wir haben noch reichlich davon. Sie braucht ein wenig um zu wirken, entsprechend mißgelaunt bin ich beim Verlassen der Stadt Nurata. „Wir fahren ja die selbe Strecke zurück, die wir gestern gekommen sind“, maule ich die Radsportbegeisterte an meiner Seite an. „Und heute haben wir noch Gegenwind!“ „Fahr doch ’ne andere Strecke“, gibt sie kurz zurück. Die Wüste verschlingt ihre Kinder.

Nach 4 km geht es im 90-Grad-Winkel rechts ab und raus aus der Stadt. Der Wind kommt nur noch von der Seite, es fährt sich viel besser. Wir rollen an (flächenmäßig) großen Müllhalden vorbei, Nurata kippt sein Abfall-Problem offenbar einfach in die Wüste, wo dann der Wind die Verteilung übernimmt. Wir werden auch in den folgenen Tagen kaum ein Stückchen Wüste sehen, in dem keine Plastiktüten, Glasflaschen oder Plastik-Behälter herumliegen meist von Auto- oder LKW-Fahrern achtlos neben den Asphalt geworfen oder gekippt.

Nach ungefähr zwei weiteren Kilometern knickt die Straße nach rechts ab – prima: Rückenwind! Kilometerlange, schnurgerade Straße geradeaus, der Asphalt ist auch annehmbar, es rollt sich vor sich hin. Und im Gegensatz zu sonst ist auch kaum ein Auto unterwegs, höchstens alle Viertelstunde mal überholt uns ein PKW – keine Marschrutkas, keine hupenden Taxen. So machts Spaß!

Die Kyssyl Kum verändert ihren Charakter, aus der mit Pflanzen durchsetzten Steppe wird eine staubige, karge Prärie wie man sie aus amerikanischen Western kennt. Ihr wißt schon, mit abgerissenen Dornbüschen, die der Wind vor sich her treibt und so …

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Wir genießen die Fahrt in der prallen Sonne, schrubben Kilometer um Kilometer.  Beim vierzigsten kommen wir an die erste Kreuzung, biegen rechts ab auf eine gut asphaltierte Straße Richtung Koshkuduk.

Unterwegs kommen wir an einer riesigen Zeltstadt vorbei. Arabische Scheichs und ihr Hofstaat, erläutert uns Reiseleiter Sokir. Die lassen hier ihre Falken auf irgendwelche spezielle Vogelarten los.

Unbeeindruckt radeln wir noch einmal insgesamt zwanzig Kilometer bis Jangikashgan, wo die Räder in den Bus verstaut werden – der folgende Abschnitt ist selbst für Mountainbikes zu schwer.

Mit dem Bus schaukeln wir ungefähr vier weitere Kilometer durch die Sandsteppe, bis wir endlich am Ziel des Tages sind: Einem Jurtencamp mitten in der Wüste.10 Jurten, ein lehmverputztes Wirtschaftsgebäude, ein Häuschen zum Duschen, eines mit zwei europäischen Toiletten, ich bin hoch zufrieden. Auch darüber, dass jedes Paar seine eigene Jurte erhält.

Der Betreiber des Camps ist ein Russe („ein Tartar“, wie Sokir sagt), seine Frau hat Geburtstag, also feiern der Russe und seine Freunde bei Wodka und leckeren Speisen ab dem frühen Nachmittag. Unter den Freunden, so erzählt er mir später, befand sich auch der Direktor der Ermitage aus St. Petersburg, der als Arabistik-Spezialist öfter hier unten weilt.

Nach und nach trudeln auch weitere Gäste des Camps ein, zwei Franzosen mit Reisebegleiter und Fahrer, zwei deutsche Wanderer mit Reisebegleiter und Fahrer. Die muntere internationale Runde genießt wunderbar zugerichtete Speisen der russischen (tartarischen?) Küche vom Kalten Buffet und beobachtet die Russen beim Vertilgen von Unmengen von Wodka.

Auch wir erhalten ein kleines Fläschchen als Gruß aus der Küche. Zum Abschluss des Abends besuchen wir die selbe und gratulieren der darin schuftenden Hausfrau auf Russisch zum Geburtstag. Sie ist hocherfreut, nimmt dankbar unsere Komplimente für ihr Essen entgegen und wünscht uns einen wunderschönen Aufenthalt und viele interessante Erlebnisse. Na also, Deutsche und Russen können ja doch miteinander.

Fahrtzeit 3:05 Stunden
Fahrtstrecke: 64,63 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 18,0 km/h