1. Etappe – Pisz (Johannisburg)

„Die Johannisburger Heide“, so erklärt mir das ausgezeichnete Tourenbegleitheft von DNV-Tours, „war mit 970 Quadratkilometern größte zusammenhängende Waldgebiet Preußens“. Dunkle Kiefern und abwechslungsreiche Laubwälder, uralte Bäume, reiche Pilz- und Beerenvorkommen wurden uns versprochen, lauschige Seen, Wild und Heide.

Und was soll ich sagen: Die haben nicht übertrieben.

Kurz nach dem sehr reichhaltigen Frühstück machten wir uns auf. Ein wenig gestaffelt, denn alle 46 Passagiere  wollten ja nicht zusammen die Stille der Natur genießen, aber letztlich fuhr man sich doch immer wieder über den Weg.

Zunächst geht es auf asphaltierten Straßen in den Ort Wejsuny (Weissuhnen), der eine nette, gar nicht so kleine Kirche hat. Besichtigung allerdings nicht möglich – es ist Sonntag, im katholischen Polen ist das heilige Gottesdienst-Zeit. Also radeln wir weiter, immer noch auf Asphalt durch die Johannisburger Heide. Treffen an einem Campingplatz am See eine Dame aus Zwickau, die sich keinen schöneren Ort für ihren Wohnwagen vorstellen kann.

„Und die Mücken?“. „Welche Mücken?“

Nach rund 20 km erreichen wir wieder einen Ort – Karvik (Karwik). Und hoffen inständig auf eine Kneipe, denn radeln macht durstig. Finden aber keine, obwohl es sich anscheinend um einen Ferien-Ort handelt. Dafür stoßen wir aber auf ein Einfamilienhaus, in dem ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Autos fahren vor, Radfaher steigen ab und auf, Fußgänger gehen rein uns raus. Wir haben den Dorfladen entdeckt, der zum Glück auch sonntags geöffnet hat. Zeit für ein kleines Bier zwischendurch.

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Wo „Sklep“ dran steht ist meist Bier drin – auch sonntags

Inzwischen ist es vorbei mit der gemütlichen Asphaltstraße, wir kommen auf offenbar auch von Autos vielbefahrenen Waldwegen voran, erreichen nach ungefähr 30 Kilometern Waglik (Wonglik). Der Ort verfügt über einen alten Friedhof und wird ansonsten vom durchrauschenden Verkehr auf der Fernstraße 58 bestimmt.

Alte Grabsteine in Waglik

Alte Grabsteine in Waglik

Wir flüchten vor den unablässig vorbeiziehenden PKW und LKW auf eine Ausweichstrecke, die uns das Tourenbegleitheft anbietet und rollen schließlich nach rund 34 Kilometern in der 16.000-Einwohner-Stadt Pisz (Johannisburg) ein. Die einen sehr schönen Marktplatz und die größte Fachwerkkirche Polens hat. Leider können wir auch sie nicht besichtigen – sie ist geschlossen. Weil Sonntag ist?

Darüber hinaus ist Pisz noch als Sterbeort des letzten polnischen Wisents bekannt. Der 1698 von August dem Starken, damals König von Polen, oder dem preußischen Kurfürsten Friedrich II. erlegt. Man weiß es nicht so genau, aber es geschah verbrieft wegen einer für die Monarchen organisierten dreitägigen Jagd.

Das Rathaus von Pisz gehört zu den wenigen Gebäuden, die den Zweiten Weltkrieg überdauert haben (75% der Stadt waren zerstört). In seinem Schatten lassen wir uns im Außenbereich eines Restaurants an einem großen Holztisch nieder.

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Der Marktplatz von Pisz

Viel Zeit für Pizza und Pelmeni bleibt uns allerdings nicht – uns wurde am Abend zuvor schließlich deutlich eingeschärft, daß wir um 16 Uhr wieder an Bord zu sein hätten, weil das Schiff noch heute mit uns nach Mikolajki (Nikolaiken) fahren und pünktlich ablegen will.

Irgendetwas müssen wir auf der Rückkehr zum Schiff aber übersehen oder überlesen haben – wie sich herausstellt, haben wir es irgendwo verpasst abzubiegen und sind schon viel zu weit auf einem Waldweg unterwegs.

Wenn's so schön rollt, kann man schon einmal eine Abzweigung verpassen ...

Wenn es so schön rollt, kann man schon mal den Abzweig verpassen

Umkehren?

Nein, entscheidet die Reiseleitung – wir haben doch ausgezeichnete Landkarten mitbekommen und nach denen müßte es hier gleich einen Waldweg geben und der führt im Norden wieder an die Straße, die wir eigentlich nehmen sollten.

Denkste.

Wir landen auf der Fernverkehrsstraße 58 und sehen links von uns ein Ortsschild. „Das muss das Szeroki Bor auf der Karte sein, wo es eine Straße gibt, die uns direkt nach Norden führt!“, verkünde ich frohlockend.

War es aber nicht.

Eine Siedlung mit Neubauten mitten im Wald und einem Eisenbahngleis und – einem Riesen-Gitter quer über die Straße. „Militärisches Sperrgebiet“, teilt uns ein Schild mit.

Wir versuchen möglichst nicht verhaftet zu werden und das Sperrgebiet zu umgehen. Geraten auf immer kleinere Waldwege, überwinden quer liegende Baumstämme und dichte Beerenhecken. Und die Zeit rennt – noch eine Stunde bis zum Schiff.

„Das muss der See hier auf der Karte sein“, verkündet die Reiseleitung verzweifelt und versucht die Radgefährten zu motivieren, was immer schlechter gelingt. „Wenn wir den umrundet haben, sind wir an der Landstraße nach Wejsunen!“ Dann endlich, nach 20 Minuten Irrlauf und -fahrt durch masurische Wälder die Erlösung: „Da vorne ist die Straße!“.

Gott sei Dank, die Zivilisation hat uns wieder. Wie sich später herausstellt, war der Ort, den wir doch mit eigenen Augen gesehen hatten, gar nicht auf der Karte eingezeichnet, wir befanden uns an einer ganz anderen Stelle als gedacht.

Wie dem auch sei, Pünktlich 16:02 Uhr rollen wir auf den Anlege-Steg der „Classic Lady“. Nach 4:20 h reiner Fahrtzeit udn 69,7 geradelten Kilometern.

Und werden für die Strapazen des Tages mit einer wunderschönen Fahrt über Seen und Kanäle der Masuren entlohnt.

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Am Abend geht es in Richtung Mikolajki