Bad Dürckheim – Neustadt an der Weinstraße (30 km)

Ich habe es getan. Ich habe mich getraut. Ich habe Pfälzer Saumagen gegessen. und es hat geschmeckt.

Wir haben unser Hotel in Ungstein gegen neun Uhr verlassen, um das Riesenfass in Bad Dürckheim zu besichtigen. Theoretisch Platz für 1,7 Mio Liter Wein und praktisch für eine Menge Gäste in der Gaststätte, die sich in dem Fass befindet und früh am Morgen natürlich geschlossen ist. Aber die angeschlossene Kneipe wird gerade für die Öffnung vorbereitet und freundliche Kellner gestatten uns, schon mal Platz zu nehmen. Sehr angenehm.

das Riesenfass in Bad Dürckheim
So lange es leer ist, sind die Kellner jedenfalls äußerst freundlich

Wir diskutieren, wieso wir statt geplanten 1,5 Kilometern vier gefahren sind und stellen fest, daß wir uns zweimal verfahren haben. Der Tag fängt ja gut an.

Bad Dürckheim ist eine nette kleine Kurstadt mit netter, kleiner Fußgängerzone. Wir schauen in die Kirchen vor Ort, besichtigen den Grabstein von irgendeinem Grafen aus dem 16. Jahrhundert. Auch nett. Dann geht es ab nach Wachenheim.

Im Ort stoßen wir auf Schloß Wachenheim – den Verwaltungssitz der Sektkellerei. Eine nette Dame fragt uns, ob wir in den Verkaufsraum wollen. Wir wollen nicht. Stattdessen machen wir uns auf zur Burgruine der Wachtenburg hoch über der Stadt. Dort soll es einen prima Biergarten geben.

Keuchend und ohne Räder (zu steil) oben angekommen, stellen wir fest, daß der Biergarten Montag Ruhetag hat. Aber ein paar Frauen wirbeln in der Gaststätte herum, um sie zu säubern. Micha fragt, ob wir was zu trinken bekommen können. Klar, wenn es aus der Flasche sein darf. Prima. Wir kaufen eine Flasche Bio-Riesling, lassen uns fünf Gläser geben und genießen den Ausblick auf die Pfalz beim kühlen Weißen.

Harter Aufstieg zur Wachtenburg
Harter Aufstieg zur Wachtenburg

Wir radeln weiter durch Forst an der Weinstraße, wo sich alles auf die abendliche Kerwe vorbereitet, nach Deidesheim. Auch hier ist es schwer, eine Gaststätte mit Mittagstisch zu finden. Aber wir werden beim Metzger fündig – er bietet auch Pfälzer Spezialitäten an. Ich traue mich an die Platte: Saumagen, Leberknödel und grobe Bratwurst für 10,80 Euro. Schmeckt wunderbar.

Lecker Saumagen im Hinterhof
Lecker Saumagen im Hinterhof

Der Aufenthalt wird allerdings teurer als erwartet – ich schmeiße mit meinem Fahrrad eine Keramik-Leuchte um. Peinlich.

Nach Deidesheim geht es richtig in die Beine. Hoch in die Weinberge, runter von den Weinbergen, hoch in die Weinberge. Der Katalog beschreibt dies als Fahrt auf den Balkon der Pfalz. Die Frauen sind sich einig, daß sie da nie hinwollten. Sie verlangen, einen Weg zum Ziel zu finden, der immer auf der gleichen Höhe bleibt. Ein wenig schwierig bei einem querenden Tal. Hilft nix, wir müssen alle runter und vor allem auf der Gegenseite wieder hoch.

Überraschenderweise gibt es in dieser Weingegend Berge
Überraschenderweise gibt es in dieser Weingegend Berge

Die Frauen weigern sich, noch irgendwohin zu radeln. Na gut, bleiben wir am Ziel vor Ort, im Hotel zum Hambacher Winzer. Das ist, wie schon mal erwähnt, im Eigentum der Winzergenossenschaft. Und die betreibt gleich nebenan ein Weinverkostungs- und Verkaufsraum. Das lohnt sich. Auch bei uns.

Für die Frauen unvergeßliche Momente: Weg zum "Balkon der Pfalz"
Für die Frauen unvergeßliche Momente: Weg zum „Balkon der Pfalz“

Wir wollen ein Abendbrot zu uns nehmen. Der Hambacher Winzer hat Montags Ruhetag. Der Winzer schräg gegenüber ist in den Betriebsferien, der Grieche vor Ort für vier Wochen in seiner Heimat, auch andere Kneipen sind zu, aus den unterschiedlichsten Gründen.

Notgedrungen fahren wir runter ins vier Kilometer entfernte Zentrum von Neustadt.

Wenn die in Hambach unser Geld nicht wollen oder brauchen …

Grünstadt – Ungsheim (46 km)

Eine Regenfront ist in der Nacht über Worms hinweg gezogen, der Tag empfängt uns wolkig und zwar immer noch mild, aber doch wesentlich kühler als der gestrige. Und mit der lautstarken Fröhlichkeit einer Radfahrer-Truppe aus Nürtingen („nei, also 14 km am Doch, dösch is mir denn heut doch zuviel“) im Frühstücksraum des Hotels.

Wir genießen die Vorteile des nahezu autofreien Sonntag, als wir uns früh um 09:15 Uhr auf den Weg abseits der vorgeschriebenen Route machen. Wir wollen den größten jüdischen Friedhof Europas besuchen, einige Schritte nördlich des Doms gelegen. Wir sind die einzigen Gäste dort, die Männer behalten dennoch, wenn auch eher unbewußt, wie vorgeschrieben ihre Kopfbedeckungen auf (die Schirmmützen von Eurobike).

Der Friedhof ist eindrucksvoll, auf den Grabsteinen von Rabbinern aus dem 11., 12. und 14. Jahrhundert liegen kleine Steinchen und Zettel mit Wünschen von Gläubigen, alles auf hebräisch. Die meisten Grabsteine stammen wohl aus dem 19. Jahrhundert, jedenfalls die, auf denen es auch deutsche Inschriften gibt. Der jüngste datiert von 1937, danach gab es wohl keine Beerdigung an dieser Stelle mehr.

Auf dem größten jüdischen Friedhof Europas
Auf dem größten jüdischen Friedhof Europas

Erneut haben wir Schwierigkeiten, aus einer Stadt zu finden. Worms buddelt an seiner zentralen Einfallstraße, für die Autofahrer sind Alternativen gut ausgeschildert, an die Fahrradfahrer hat wohl keiner gedacht. Irgendwie finden wir doch noch den Weg zum Rhein.

Gegen 10:15 Uhr, wir kamen gerade so schön in Fahrt, der erste Platte der Tour. Ist zum Glück unserem Praktiker passiert und nicht den Akademikern. Eberhard wechselt den Reifen innerhalb von 12 Minuten, Micha und ich pumpen ihn abwechselnd wieder auf.

Diese schöne Übung können wir wiederholen, als Eberhard nach einem knappen Kilometer erneut einen Platten meldet. Diesmal untersuchen wir den Mantel genauer und werden fündig: Eine kleine Glasscherbe wird entfernt. Der Reifenwechsel dauert diesmal nur 10 min, Micha und ich pumpen wieder.

Immer gut, wenn Akademiker vom Praktiker begleitet werden
Immer gut, wenn Akademiker von einem Praktiker begleitet werden

Die Tour führt uns südlich von Worms ein kleines Stück am nicht sichtbaren Rhein entlang (Deiche und Wälder), dann geht es bei Roxheim weg vom Fluß hin zu den Weinbergen. In Großniedersheim, kurz vor Beginn einer 13-km-kneipenfreien Zone, finden wir den Weg in die Bürgerstube. Wirt Jöoerg Eichler ist bass erstaunt über unsere Sportlichkeit („ich bin auch mal 40 km gefahren, zurück haben wir die Bahn genommen“), Ehefrau Viola kümmert sich derweil um unsere Versorgung und die der rund ein Dutzend Senioren, die sich breits auf ihr Mittagessen freuen. Wir haben Glück, daß Sonntag ist, normalerweise wird erst um 17 Uhr aufgemacht. Und daß Joerg und Viola wegen einer Feier erst vor knapp 5 Stunden ins Bett gekommen waren, hat man wirklich nicht gemerkt. Na ja, bis auf die Augenringe vielleicht.

Die Tour führt danach durch erste Weinberge. Wir kosten die eine oder andere Rebe, aber August ist wohl noch zu früh, um da wirklich Spaß dran zu haben. Alles viel zu sauer.

Viel zu sauer, als daß sich Mundraub lohnt
Viel zu sauer, als daß sich Mundraub lohnt

Der Wind bläst kräftig von vorn, einige vereinzelte Regentropfen fallen. Zeit für eine kurze Pause in Grünstadt, einstige Residenz der Leininger Grafen und vom Reiseführer empfohlen wegen Barock-Rathaus und hübscher Fußgängerzone.

Zwei Bayern verteidigen am Prinzregenten-Luitpold-Platz die Idee bayerische Gemütlichkeit gegen die Seligkeit der Weinstraßen-Bewohner. Ihr Konzept scheint aufzugehen, denn das Brauhaus ist knüppeldickevoll, die beiden Kellnerinnen und der Koch offenbar überfordert. Nach einer Stunde ist unser Essen immer noch nicht da, wir beginnen sauer zu werden.

Da nähert sich die Wirtin unserem Tisch in bayerischer Tracht, entschuldigt sich wortreich für die Verzögerungen und fragt, ob wir unseren Ärger nicht mit einem Gebrannten auf Kosten des Hauses herunterspülen möchten. Bravo! Wir entscheiden uns für Bier-Brand (aus Dunkelbier diestilliert) und sind von dem Schnaps genauso begeistert wie von dem Essen.

Das Fahren strengt heute an. Es wird zunehmend hügliger, die Wege in den Weinbergen werden schlechter, sind oft nur noch reine Schotterpisten. Einziger Trost: Mein Sattel und mein Hintern kommen immer besser miteinander zurecht. Wer weiß, vielleicht entsteht aus den anfänglichen Reibereien noch so etwas wie Freundschaft.

In den Weinbergen gibt es zum ersten Mal offen ausgetragene Unstimmigkeiten. Silvi möchte Burg Neuleiningen besichtigen. Die hat den Nachteil, etwa 1 km abseits unserer ausgezeichneten Tour und zudem noch auf einem Berg zu liegen. Die Truppe macht ihr ein Friedens-Angebot: Fahr Du da hoch, wir warten hier. Dazu hat sie nun auch keine Lust.

Chef-Scout Micha verdanken wir dann eine andere schöne Erfahrung: Er verpaßt in den Wein-Bergen eine Abfahrt, so daß wir vom rechten Wege abkommen. Um den wiederzufinden, lotse ich uns nach der Karte zu einem Ort namens Herxheim. Und da ist, wer hätte es gedacht, gerade Kerwe – eine Art Winzerfest. Na, da lassen wir uns doch nicht dreimal einladen.

Seltener Anblick
Seltener Anblick

Da wir in Grünstadt die „Deutsche Weinstraße“ genannte bierfreie Zone von Rheinland-Pfalz betreten haben, versuchen wir den 2008er Chardonnay Herxheimer Honigsack. Ein feinherbes Gesöff, von dem man gerne mehr ordert. Auch Birgit ist mit ihrem Pinot Noir äußerst zufrieden. Was für ein Glück, daß die restlichen 3 km bergab praktisch wie von selbst runtergefahren werden können! Den Abend werden wir wohl in dem sehr gemütlichen Landgasthof verbringen, in dem unsere Übernachtung gebucht wurde. Ich weiß bloß noch nicht, ob bei Bier oder … nein, wohl eher bei Wein.

Schließlich soll der Tourist doch die Sitten und Gebräuche seiner Gastgeber respektieren!

Neustadt an der Weinstraße

Wer nach 700 Kilometern Fahrt denkt: „Jetzt erst einmal ein schönes, frisches Bier!“, der ist hier fehl am Platze. Denn Neustadt trägt nicht umsonst den Zusatz „an der Weinstraße“.

Auf unsere Frage in einem Weingut im Ortsteil Hambach, ob es denn hier auch Bier gebe, guckt uns die nette Verkäuferin erschrocken und ratlos an. „Nee also dösch ham wir hier nischt!“.

Sie empfiehlt uns den Griechen um die Ecke. Der hat Ruhetag. Wir marschieren durch den Ort, die Cafés sind geschlossen, die Weinstuben mit Verweis auf möglichen Bierausschank haben ebenfalls zu. Wenn überhaupt, dann Ausschank erst nach 17:30 Uhr.

Hilft nix, rauf zum Hambacher Schloss, der Wiege der deutschen Demokratie (hier fand 1830 ein Treffen von Studenten und national gesinnten Kräften statt, das berühmte Hambacher Fest). Wir haben Glück, die dortige Ritterstube hat auf, bietet Weißbier und Pilsner. Wir sind gerettet, und bleiben gleich zu lange an diesem herrlichen Sommerabend auf der Freiluftterasse mit wunderbarem Blick über die Rhein-Aue sitzen. Es ist nach 18 Uhr, inzwischen ist die Schlossruine nicht mehr zu besichtigen. Pech, aber wir sind ja am letzten Tag unserer Rundtour wieder hier, können Versäumtes nachholen.

Am Hambacher Schloss
Am Hambacher Schloss weiß man deutsches Lebensgefühl zu schätzen.

Wieder unten im Ort treffen wir in unserem Hotel „Hambacher Winzer“ (gehört offenbar der örtlichen Winzergenossenschaft) den Herrn Dorn von Eurobike.at Er erläutert uns die vor uns liegenden Etappen, gibt Tipps für unterwegs, übergibt Räder, Gepäcktaschen, Luftpumpen und Fahrrad-Schlösser. Wenn was ist, können wir ihn anrufen.

Wir hoffen, daß wir ihn nicht anrufen werden.

A propos deutsche Einheit - die gibts auch bei Eurobike
A propos deutsche Einheit – die gibts auch bei Eurobike

Am Abend probieren wir Spezialitäten. Pfälzer Saumagen findet die Billigung der beiden Herren, die sich trauten, ihn zu probieren, auch Leberknödel, Bratwürste, Sauerkraut schmecken lecker. Nix zu meckern. Beim Verdauungs-Obstbrand hätte man kräftig sparen können, die Schattenmorelle war doppelt so teuer wie die Williams Christ. Na, da wissen wir wenigstens für nächste Woche Bescheid.

Morgen früh geht es um halb acht raus aus den Betten, die Wirtin ließ sich zum Frühstück Punkt acht überreden – obwohl sie der Meinung war, wir sollten doch im Urlaub ruhig ausschlafen. Aber für so etwas haben wir keine Zeit – 50 km Radtour nach Germersheim stehen an.