Von Poel nach Rehna

Die Wetter-App verhieß nichts Gutes. Also außer der Tatasache, dass die Sonne scheinen sollte. Und die Regenwahrscheinlichkeit so um die 10% lag. Und die Temperaturen sogar 16 Grad erreichen sollten.

Aber der Wind! Kräftig sollte er an diesem Pfingstmontag wehen, auffrischend aus West. Der Richtung in die wir wollten.

Wir beschlossen, den kürzesten möglichen Weg zu nehmen. Der zunächst einmal nach Süden führte: Von Hohen Strömkendorf bis nach Wismar.

Karte unserer Tour

Was soll ich sagen? Es rollte. Sonne satt, der Wind ja anfangs noch von der Seite (es ging nach Süden), der Radfernweg hervorragend ausgebaut – wir waren schneller als erwartet in Wismar. Das sich uns zunächst als Industriemetropole präsentierte: Der Radweg führte an großen Holz verabreitern vorbei, die Unmengen von Baumstämmen auf riesigen Lagerplätzen gestapelt hatten. Eine von ihnen kannten wir aus den Nachrichten: German Pellets war gerade insolvent gegangen.

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In Wismar haben sie viel Holz vor der Hütte

Der Weg in die Altstadt und zum Hafen Wismar ist hervorragend ausgeschildert, man kann sich hier kaum verfahren. Und zum Glück haben kurz nach 10 Uhr auch schon erste Gaststätten geöffnet. Wir genießen ein Bier an einem der in die Sonne gestellten Tische der „Seeperle“ (private Meinung: Wer die Wahl zwischen Rostocker und Stralsunder Bier – Marke „Störtebecker“ – hat, sollte sich für letzteres entscheiden).

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Einen Abstecher wert: Der Hafen von Wismar

Etwas schwieriger war es dann schon wieder aus der Stadt zu finden – plötzlich war Schluß mit der guten Beschilderung. Ausgewiesen wurden als Ziele einzelne Wismarer Stadtteile wie Dammhusen oder bekannte Orte wie Boltenhagen und Gägelow im Norden. Wir aber wollten nach Barnekow und Gressow, Richtung Grevesmühlen also – und da konnten uns weder Schilder noch Karte helfen. Um es kurz zu machen: Wir hätten die Dammhuser Chaussee entlang fahren müssen, hatten uns aber für eine Straße weiter nördlich entschieden („An der Lübschen Burg“) – und auf der kamen wir dann nicht über die Umgehungsstraße von Wismar. Der Umweg über Klein Woltersdorf war dann nicht so riesig (anderthalb Kilometer schätze ich), aber die Suche nach dem rechten Pfad hat doch viel Zeit gekostet.

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Was sie im Norden genug haben ist Wind. Windpark bei Gägelow

Erst hatten wir also Pech und dann kam noch der Wind dazu. Was verlief der folgende Abschnitt zäh! Gegenwind, ein, zwei lang gezogene Anstiege machten die Strecke nach Barnekow und Gressow zur sportlichen Herausforderung. Der Radweg verlief hier auf normaler Straße, so daß auch noch auf den Verkehr zu achten war, Dorfkneipen oder ähnliches als Entschuldigung zum Verschnaufen waren Fehlanzeige. Erst am Dorfausgang Gressow, direkt an der B105, lud ein Imbiss-Stand  zum Hasseröder und einer Thüringer Bratwurst ein.

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Bestimmt einen Besuch wert: Die Gressower Dorfkirche

Dass der offizielle Radweg dann weiter auf der B105, einer der meist befahrenen Bundesstraßen hier oben führte, fand ich persönlich bei dem heftigen Verkehr dort abenteuerlich. Zum Glück konnten wir anderthalb Kilometer weiter, kurz hinter der (mittlerweile wohl geschlossenen) berühmten Kneipe von Sternkrug in den Wald abbiegen – Richtung Plüschow. Unbefestige Strecke, aber gut zu radeln, nach ungefähr einem Kilometer stießen wir dann auch schon wieder auf befestigte, gut asphaltierte Straße.

Das Künstlerschloß Plüschow ist eine Besichtigung sicher wert. Aber a) wären wir die einzigen Gäste einer Ausstellung gewesen, die ich persönlich nun nicht so prickelnd fand und b) zerrte der Wind an Nerven und Zeitkonto. Also schauten wir uns nur kurz das Foyer an und traten weiter in dei Pedalen um uns gegen den Wind über die A20 und dann parallel zu ihr in Richtung Upahl vorzuarbeiten.

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Das Künstlerschloss Plüschow. Trotz Pfingsten: Kein Besucher. Nirgends.

Die Landschaft hier oben ist sicher wunderbar, zumal wenn es so wie bei uns durch die blühenden Rapsfelder ging, aber irgendwie wollten wir nur noch ins Ziel kommen. Ein, zwei kurze Fotopausen mussten genügen.

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Ein Fest für’s Auge: Mecklenburgische Alleen und Rapsfelder

Und so arbeiteten wir uns durch Diedrichshagen und Sievershagen weiter in den Gegenwind vor, lassen Schloss Bernstorf und sein Bio-Hospiz rechts liegen und werden zu Windflüchtern – wir beschließen, in Richtung Rehna nicht auf der Straße sondern auf Waldwegen zu fahren, die auf unserer Karte zum Glück korrekt ausgezeichnet sind. Die Strecke ist ein holpriger Sandweg, aber wenigstens windfrei.

Und so rollen wir denn geschafft und bierreif in Rehna ein – nach über 60 km stürmischer Heimfahrt stolz, es doch geschafft zu haben.

 

 

 

 

Von Rehna zur Insel Poel

Oh, was haben die Wetterfrösche uns Angst gemacht: Schlecht wird es zu Pfingsten. Kalt. Und Regen. Und Sturm.Man solle doch lieber zu Hause bleiben.

Wären wir am liebsten auch. Aber wir hatten schon im letzten Herbst für dieses Wochenende ein Hotel gebucht. Weil sechs Radler am Pfingst-Wochenende an der Ostseeküste nicht so leicht unterkommen. Also half es nichts: Die wochenlang geplante Tour von Rehna in Nordwestmecklenburg hin zur Ostsee-Insel Poel (bei Wismar) würde stattfinden. Und wenn die Wetter-App dreimal Höchsttemperaturen von 12 Grad, Regen und stürmischen Wind voraussagt.

Unser Ausgangspunkt, das unweit von Lübeck gelegene Rehna ist einen Besuch wert wegen des toll erhaltenen Klosters. Das man mit Kräutergarten, Klosterkirche und Kreuzgängen besichtigen kann.

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Wandelgang im Kloster Rehna

Wir aber hatten an diesem „Pfingst-Sonnabend“ anderes im Sinn: Die vor uns liegenden rund 70 km. Also machten wir uns relativ früh auf in Richtung Mühlen Eichsen, danach sollte es dann über Bad Kleinen und Dorf Mecklenburg an Wismar vorbei nach Groß Stömkendorf, dem Tor zur Insel Poel gehen. Eine Strecke, die wir wegen der angesagten Windrichtung gewählt hatten (man hätte sich auch nach Norden in Richtung Klützer Winkel aufmachen können und dann auf dem Ostsee-Radwanderweg zur Insel Poel fahren).

Karte unserer TourWer denkt, Mecklenburg sei flaches Land, der sollte sich auf diesem Abschnitt eines Besseren belehren lassen.Sanfte Hügel fordern die Gelegenheitsradler unter uns von Anfang an, Radwege gibt es auf dem ersten Abschnitt unserer Tour auch nicht. Dafür romantisches, fahrradfeindliches Kopfsteinpflaster.

Wir fahren zunächst über Köchelstorf und Veelböken nach Mühlen Eichsen. Eine ganze Weile geht es angenehm über den Asphalt der Straße, ein Zwischenstück zwischen Botelsdorf und Veelböken ist besagtes Kopfsteinpflaster mit leider nur sehr schmalem Sommerweg (Sandstreifen). Durchgeschüttelt freuen wir uns über den Radweg neben der B 208, der uns direkt bis nach Mühlen Eichsen führt.

Die Kirche in Mühlen Eichsen

Die Kirche in Mühlen Eichsen

Hier wäre sicher die Kirche ein interessanter Besichtigungspunkt, aber wir haben Respekt vor der vor uns liegenden Strecke. Es geht weiter über alte, aber seltsamerweise ganz gut von Autos befahrene Landstraßen in Richtung Alt Meteln, in der Region berühmt für die Niederlassung vom Pianohaus Kunze, aber auch wegen einiger sehr schöner Bauernhäuser.

Wir beschliessen, weiter in Richtung Lübstorf zu radeln und dort dem Schloss Willigrad einen Besuch abzustatten. Da hält uns ein Gelber Schirm auf. Der Gelbe Schirm steht in Mecklenburg für die Aktion Kunst Offen, die hier immer zu Pfingsten stattfindet. Künstler öffnen ihre Ateliers und Werkstätten für alle Interessierten. Der von uns entdeckte Keramik Bahnhof Rugensee lädt zur Besichtigung von … Keramik. Aber auch zu einem Kaffee, den die Frau des Künstlers kredenzt. Wir sind von beidem angetan.

In Lübstorf am Schweriner See wissen sie, wohin die Leute wollen. Das Schloß Willigrad ist gut ausgeschildert. Auch hier gibt es Kunst zu besichtigen (in der Orangerie fast das ganze Jahr über mit wechselnden Ausstellungen), aber wir bewundern diesmal vor allem Schloß, Garten und den herrlichen Ausblick über den Schweriner See.

Schloss Willigrad

Schloss Willigrad

Von Willigrad führt uns ein sehr guter Radweg durch den Wald nach Zickhusen und dann, am Eiertunnel vorbei, nach Bad Kleinen.

Wo wir Glück haben. Denn das Restaurant Seeblick ist zwar voll besetzt und erwartet zudem noch die Gäste einer größeren Geburtstagsfeier, aber auf der Terrasse, so die sehr freundliche Kellnerin, werde sie uns gern bedienen. Besonders erfreulich: Auch die Küche erweist sich als hochprofessionell und zaubert richtig leckeres Essen auf die großen Teller. Sehr zu empfehlen!

Gestärkt und von einem frischen West-Wind geschoben kommen wir schnell nach Hohen Viecheln, wo wir in Richtung Dorf Mecklenburg und Wismar, also nach Norden  einschwenken. Obwohl hier gleich drei Radwege auf einer Trasse ausgewiesen sind (Mecklenburgischer Seen-Rundweg, Residenzstädte Rundweg, Westlicher Backstein Rundweg) sind wir die einzigen auf der Strecke – wird so manchem wohl doch zu windig gewesen sein. Nun, uns stört es nicht, wir bewundern die blühenden Rapsfelder und freuen uns, dass es weiterhin trocken bleibt.

In Dorf Mecklenburg gibt es zwar Interessantes zu besichtigen (eine Holländerwindmühle, das Kreis-Agrarmuseum), aber wir biegen gleich wieder ab nach Lübow um uns dann östlich an Wismar vorbei vom Wind in Richtung Poel schieben zu lassen.

So war jedenfalls der Plan.

Tatsächlich sollte es der schwierigste Teil der Etappe werden. Nicht nur weil der sehr kräftige Wind jetzt von der Seite blies, nein, mit der neuen A14 wurde offenbar auch ziemlich viel am Radwegenetz verändert. Und meine erst im April 2016 herausgekommene kompass-Radkarte Ostseeküste Rostock, Wismar hatte das wohl nicht mitbekommen.

Der „Nebenradweg mit guter Oberfläche“ der uns zwischen Greese und Kritzow am Autobahnkreuz Wismar zunächst über die A14 und dann über die A20 führen sollte erwies sich als neugebaute Schnellstraße mit engen Leitplanken auf der Radler von den Autofahrern als äußerst störend wahrgenommen wurden. Er endete auch nicht wie auf der Karte verzeichnet in Kritzow sondern an einer weiteren Schnellstraße. Schilder für Radfahrer gibt es in dieser Gegend nicht so daß wir ein wenig auf gut Glück fuhren – und mit selbigem dann auch irgendwann in Hornstorf herauskamen.

Letztlich haben wir uns dann nach Rohlstorf, Gagzow, Krusenhagen und Hof Redentin durchgefragt, wo wir endlich auf den hervorragend ausgebauten Ostseeküsten-Radweg stießen und bequem die restlichen zwei Kilometer ins Hotel „Schäfer-Eck“ in Groß Strömkendorf abrollten.

Beim Schäfer Eck haben sie ein Herz für Radwanderer

Beim Schäfer Eck haben sie ein Herz für Radwanderer – und extra Fahrrad-Schuppen zum Unterstellen ihrer Räder.

Das „Schäfer-Eck“ hatten wir ausgewählt, weil es nicht nur für einen Besuch der Insel Poel strategisch günstig gelegen ist, sondern weil es sich auf seiner Webseite auch sehr fahrradfreundlich präsentiert. Und ein eigenes Arrangement „Ostsee und Radeln“ anbietet: 2x Übernachtung im Doppelzimmer, 2x Frühstücksbuffet (sehr große Auswahl!) und Ostseefisch satt. Und das hauseigene „SPA mit verschiedenen Saunen, Sonnenwiesen, Fitness- und Ruhebereich“ sollte die notwendige Entspannung nach unserer heutigen 72-km-Tour liefern, wenn der morgige Sonntag wirklich so schlimm daherkommen sollte, wie es die Metereologen voraussagen: Mit Regen, Gewittern, kräftigem, böigen Wind und Höchsttemperaturen von 13 Grad.